Zu Besuch auf der Evenburg in Leer (Ostfriesland)

„Kennst du die Evenburg? Das ist meine Lieblingsburg in Ostfriesland.“, sagt Jörg in Saša Stanišićs Jugendroman Wolf. Eine Burg ist die Evenburg streng genommen allerdings nicht. Wer vom Parkplatz über den Kiesweg in den Park spaziert, entdeckt vielmehr ein kleines weißes Schloss, eingebettet in einen englisch anmutenden Landschaftsgarten. Für einen Moment könnte man glauben, nicht in Ostfriesland, sondern irgendwo in Großbritannien unterwegs zu sein.

Die ursprüngliche Evenburg wurde bereits 1642 als barockes Wasserschloss von Oberst Erhard Reichsfreiherr von Ehrentreuter erbaut. Das aufwendig gestaltete Hauptgebäude entstand auf einer Schlossinsel, die von einem breiten Wassergraben umgeben ist.

Bei einem Spaziergang durch den Schlosspark lässt sich das Gebäude vollständig umrunden. Benannt wurde das Schloss nach Eva von Ungnad, der Ehefrau des Erbauers. Bereits eine Generation später gingen die Besitztümer 1690 durch Heirat an die Grafen von Wedel über. In den Jahren 1861/62 wurde das Schloss nach Entwürfen des Osnabrücker Architekten Rudolf Stüve im Stil der Neugotik umgebaut. In dieser Zeit entstand auch die Vorburg. Seither wurde die Anlage mehrfach baulich verändert und an neue Anforderungen angepasst.

Beim Betreten des Schlosses fallen sofort die Spitzbögen, die Säulen und der schwarz-weiß geflieste Boden ins Auge. Das prunkvolle Innere wird dem eindrucksvollen Äußeren des kleinen Schlosses durchaus gerecht.

Heute ist die Evenburg mit ihren Kultur- und Freizeitangeboten eine Bereicherung für das kulturelle Leben Ostfrieslands. Regelmäßig finden Wechselausstellungen, Konzerte und Veranstaltungen statt. Seit Mai 2014 informiert eine Dauerausstellung über das Leben und Wirtschaften einer adligen Familie im 19. Jahrhundert. Zudem beherbergt das Schloss ein Zentrum für Gartenkultur in Ostfriesland.

Besucherinnen und Besucher können an Führungen teilnehmen oder die Räume auf eigene Faust erkunden. Die Ausstellung gewährt Einblicke in die ehemaligen Privaträume des gräflichen Ehepaares. Edle Tapeten und kunstvolle Deckenbemalungen vermitteln einen Eindruck vom adeligen Leben um 1862. Gleichzeitig erfährt man mehr über den Alltag der Grafenfamilie und über die jüngste Restaurierung des Schlosses.

Ein kleiner Wermutstropfen bleibt jedoch: Die historischen Möbel sind nicht mehr original erhalten. Im Laufe ihrer Geschichte wurde die Evenburg mehrfach von Truppen besetzt, geplündert und schwer beschädigt. Dafür lernt man etwas über Graf Carl Georg von Wedel, der tatkräftig in 20 Jahren Landschaftsgärtnerei, Imkerei und Forstwirtschaft betrieben hat und Begeisterung für neue technische Neuerungen hatte.

Nach dem Rundgang lädt das Café beim Schloss zu Tee und Kuchen ein. Es ist von Dienstag bis Sonntag jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet. 

Vielleicht ist die Evenburg deshalb für viele Menschen ein Lieblingsort. Nicht, weil sie die größte oder prächtigste Burg Ostfrieslands wäre, sondern weil sie überrascht: mit ihrer Geschichte, ihrer Architektur und ihrer besonderen Atmosphäre.

Veröffentlicht: Extrablatt. Tourismus im Nordwesten. 2026.

Zwischen Dobbenviertel und Innenstadt

Oldenburgs grünes Bindeglied ist fertiggestellt

Es riecht nach Sommer in der Stadt, die Sonne strahlt warm auf das Gesicht, eine Landschaftsgärtnerin gießt mit einem Wasserschlauch die Büsche und ein kleiner weißer Hund springt aufgeregt über die grüne Wiese. Die Arbeiten am Cäcilienplatz, einem kleinen, aber feinen Park in Randnähe zur Innenstadt, sind endlich fertiggestellt. Lange war das Areal mit Bauzäunen abgesperrt und verwehrte Anwohnenden und Spaziergänger:innen den Durchgang. Jetzt knirscht der helle Kies wieder unter den Schuhsohlen und der fast 150 Jahre alte Platz lädt wieder zum Verweilen ein.

Viel Arbeitskraft und 500.000 Euro sind in die Sanierung der Parkanlage geflossen. Nun fragt man sich vielleicht: Warum? Es scheint so unscheinbar. Einige Rosenbeete, Bäume und Grünflächen entlang der Roonstraße. Was man jetzt im Sommer nicht mehr sieht: Schon im Frühjahr explodierte der Platz in einem Meer aus Farben, als über 200.000 neu gepflanzte Blumenzwiebeln blühten. Und auch für die Zukunft des Parks wurde vorgesorgt. Unter den historischen Eiben aus der Entstehungszeit des Platzes strecken sich mittlerweile über 10.000 Stauden dem Licht entgegen. Sie dienen als lebendiger Schattenspender, damit der Boden selbst an heißen Sommertagen wie heute nicht austrocknet. Was den Park so besonders macht, ist seine Lage als Bindeglied zwischen dem Dobbenviertel und der Innenstadt, aber auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Während die umliegenden klassizistischen Fassaden des Viertels an die Geschichte Oldenburgs erinnern, kann man auf den weiß gestrichenen Bänken verweilen. Das Dobbenviertel ist eines der schönsten und besterhaltenen Gründerzeitviertel Oldenburgs. Viele der historischen Gebäude stehen heute unter Denkmalschutz. Doch nicht nur die umliegenden Häuser erinnern an eine andere Zeit. Auch der kleine Park selbst ist geprägt von Erinnerungskultur. In der Mitte des Parks stehen zwei große Büsten. Eine von Karl Jaspers, einem in Oldenburg geborenen Philosophen, der von seinem Sockel aus stoisch ins Grüne blickt. Ein paar Meter entfernt steht die Büste von Helene Lange, einer deutschen Politikerin, Pädagogin und Frauenrechtlerin. Sie hat entscheidend dazu beigetragen, Frauen bürgerlicher Schichten das Studium in Deutschland zu ermöglichen und ihnen Berufsmöglichkeiten zu eröffnen. Mit ihrer Lebensgefährtin Gertrud Bäumer veröffentlichte sie das fünfbändige „Handbuch der Frauenbewegung“, ein Standardwerk über die erste deutsche Frauenbewegung, und gab die Zeitschrift „Die Frau“ heraus. Wenn man sich auf eine der Bänke zwischen den beiden Büsten setzt, kann man Kleingruppen beim Boulespiel beobachten und über die Stadt und die Menschen, die sie prägen, grübeln.

Doch auch bei Regenwetter soll der Spaziergang gut möglich sein. Um für die Zukunft eine zu lange Vernässung der Wege bei Starkregen zu vermeiden, wurde im Rahmen der Sanierung ein neuer Wegebelag eingebaut. Das Material nimmt das Wasser auf, ohne den Weg matschig werden zu lassen. Da die Wege tiefer als die umgebene Fläche liegen, wird das überschüssige Regenwasser über neu eingebaute Entwässerungsrinnen in den Kanal abgeleitet.

Benannt ist der Platz nach der Prinzessin Cäcilie von Oldenburg, die sich 1833 finanziell am ersten Theaterbau in Oldenburg beteiligte. Lage und Gestaltung des Parks fangen dies ein. Zu Fuß ist die Anlage nur eine Minute vom heutigen Staatstheater entfernt gelegen und die Landschaftsgestaltung erinnert an ordentlich arrangierte englische Gärten. Es braucht mehr solcher Flächen und es ist schön, dass sie wieder da ist. Für den Spaziergang zwischendurch, das Picknick oder einen kurzen Kaffee nach dem Mittagessen.

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. Juli 2026. (09.07.2026).

Erinnern, erzählen, mitgestalten – Das neue Stadtmuseum 

Ein neuer Ort ist in Oldenburg entstanden. Das merkt man schon beim Eintreten. Der Geruch von frischer Farbe, Holz und Beton liegt noch in der Luft. Er empfängt die Besucherinnen und Besucher bereits im neu gestalteten Foyer des Stadtmuseums und Horst-Janssen-Museums. Tageslicht fällt durch große Fensterflächen. Zwischen Museumsshop, Kasse und Café öffnet sich ein heller Raum, in dessen Mitte Bänke und Sitzsäcke zum Verweilen einladen.

Viele Kulturinstitutionen bemühen sich um Offenheit und schaffen dennoch Distanz. Hier scheint das anders zu sein. Wer das Gebäude betritt, blickt nicht zuerst auf eine Kasse oder auf Personal, das den Neuankömmling prüfend mustert. Stattdessen fällt der Blick auf einen Treffpunkt: einen Ort zum Ausruhen, Lesen und Austauschen. Gleich daneben lädt das Café Atrium zu Kaffee und Kuchen ein.

Mit dem Ticket in der Hand geht es selbstständig durch die Ausstellung. Ein Scanner öffnet den Weg in die einzelnen Bereiche. Kein Sicherheitspersonal begleitet jeden Schritt. Die Atmosphäre wirkt entspannt. Fast so, als würde man nicht nur ein Museum betreten, sondern einen öffentlichen Raum. Auf den Ebenen eins und zwei befindet sich die neue Dauerausstellung zur Stadtgeschichte. Die erste Ebene stellt eine grundlegende Frage: „Was ist Stadt?“ Die Ausstellung blickt hinter die Fassaden Oldenburgs und zeichnet die Entwicklung von den ersten Siedlungsspuren bis in die Gegenwart nach. Sieben Themenbereiche verbinden historische Wendepunkte mit den Geschichten prägender Persönlichkeiten und Orte. So entsteht ein vielschichtiges Bild der sozialen, wirtschaftlichen und räumlichen Kräfte, die Oldenburg geformt haben und bis heute prägen.

Besonders eindrücklich wird die Zeit des Nationalsozialismus dargestellt. Die Herrschaft der Nationalsozialisten begann in Oldenburg bereits im Mai 1932 und damit Monate früher als im übrigen Reich. Fotografien zeigen das Rathaus mit Hakenkreuzfahnen. Es sind beklemmende Bilder. Sie machen deutlich, wie eng politische Macht und die Gestaltung einer Stadt miteinander verbunden sind.

Geplant war sogar ein sogenanntes „Gauforum“, mit dem Oldenburg als Gauhauptstadt umgestaltet werden sollte. Der Krieg verhinderte die Umsetzung. Andere Formen der ideologischen Umgestaltung fanden jedoch statt: Straßen und Plätze wurden umbenannt, Erinnerungsorte zerstört. Nach den Novemberpogromen 1938 wurden die Überreste der Synagoge in der Peterstraße und die jüdische Schule abgerissen. Die jüdische Gemeinde wurde anschließend aus dem Vereinsregister gelöscht.

Zwischen historischen Dokumenten und Exponaten erzählen Videointerviews von Oldenburgerinnen und Oldenburgern. Sie sprechen über ihre Stadt, über Orte, die ihnen wichtig sind, und über das, was sie mit Heimat verbinden. Dadurch wird die Ausstellung immer wieder in die Gegenwart geholt. Denn die Frage nach der Stadt ist auch eine Frage nach dem Zuhause. Und damit nach Wohnraum, Zusammenleben und gesellschaftlicher Teilhabe.

Eine Stadt entsteht nicht einfach. Sie wird geplant, verhandelt, erkämpft und verändert. Genau diesen Gedanken greift die zweite Ebene auf. Unter der Leitfrage „Wer macht Stadt?“ richtet die Ausstellung den Blick auf Herrschende, Bürgerinnen und Bürger sowie soziale Bewegungen. Sie zeigt, wie politische Entscheidungen und gesellschaftliche Konflikte das Leben der Menschen beeinflusst haben und bis heute beeinflussen.

Besonders gelungen ist dabei, dass die Ausstellung keine Vorkenntnisse voraussetzt. Die Stationen sind zugänglich und interaktiv. Sie vermitteln nicht nur Wissen, sondern stellen Fragen. Warum ist Oldenburg deine Stadt? Was bedeutet Heimat? Wem gehört öffentlicher Raum?

Der Anspruch des Museums endet nicht bei der Ausstellung. Unter dem Motto „SMO. Das bist du.“ sammelt das Stadtmuseum Geschichten aus der Stadtgesellschaft. Freivitrinen können von Bürgerinnen und Bürgern gestaltet werden. Auf Monitoren laufen persönliche Beiträge, auf Projektflächen finden Gespräche, Veranstaltungen und Aktionen statt. Das Museum versteht sich nicht nur als Ort der Erinnerung, sondern als Plattform für Beteiligung.

Filme, interaktive Medienstationen, Alltagsobjekte vergangener Jahrzehnte und Tastobjekte schaffen dabei einen Zugang, der spielerisch wirkt, ohne oberflächlich zu sein. Immer wieder regt die Ausstellung dazu an, den eigenen Blick auf die Stadt zu hinterfragen.

Das Ziel des Museumsteams ist offensichtlich: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Oldenburgs zusammenzubringen und zugleich einen Ort der Begegnung zu schaffen. Dieses Ziel scheint erreicht. Denn am Ende des Rundgangs wartet die Dachterrasse. Von hier fällt der Blick auf den Lappan. Unten ziehen Menschen vorbei. Fahrräder, Busse und Autos durchqueren die Straßen. Die Stadt ist in Bewegung.

Nach Stunden zwischen Ausstellungsräumen und Erinnerungen sieht man plötzlich wieder das Oldenburg von heute. Eine Stadt, die nicht nur von ihrer Geschichte geprägt wurde, sondern jeden Tag neu entsteht. Sie entwickelt sich durch politische Entscheidungen, durch ehrenamtliches Engagement und durch das Zusammenleben ihrer Bewohnerinnen und Bewohner. Es ist ein passender Schluss für diese Ausstellung. Denn sie macht deutlich: Stadtgeschichte ist nichts Vergangenes. Sie wird jeden Tag weitergeschrieben.

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. Juni 2026. (24.06.2026).