Mit Yoga zu einem neuen Blick auf Kunst

Kunstvermittlerin Vanessa Reis lädt Besucher:innen dazu ein, Kunst achtsam und ohne Hemmschwellen zu erleben

Die Holzdielen im Prinzenpalais knarzen, ein Luftentfeuchter brummt leise, während es sich die Teilnehmenden auf ihren Yogamatten vor einem großformatigen Gemälde bequem machen. Kunstvermittlerin Vanessa Reis beginnt ihre geführte Yogastunde. Alle sollen das Bild gut sehen können, denn genau darum geht es heute.

Die studierte Kunst- und Medienwissenschaftlerin entwickelte das Format 2018 für den Kunstverein Oldenburg, während sie ihre Ausbildung zur Yogalehrerin absolvierte. „Wir haben überlegt, was man machen könnte, um Menschen ins Museum zu bringen, die vielleicht kein Interesse an einer klassischen Führung haben oder für die der Besuch eines Museums beziehungsweise Kunstvereins eine Hürde darstellt“, erinnert sich Reis. Die zentrale Idee: Kunst aus einer neuen Perspektive erfahrbar machen. Anfangs wurde das Format durch Meditationen begleitet, später kamen gezielt Yogaübungen hinzu.

Dabei ist der freiberuflichen Yogalehrerin und Kunstvermittlerin besonders wichtig, dass Yoga im Museum nicht bloß ein Kurs an einem ungewöhnlichen Ort bleibt. Vielmehr soll stets eine Verbindung zwischen den Teilnehmenden und dem jeweiligen Kunstwerk entstehen. „Die Stunde ist immer so aufgebaut, dass sie einem bestimmten Thema folgt, das sich auch in den Werken widerspiegelt“, erklärt Reis.

So orientiert sich die Yogastunde rund um das Gemälde „Birkenwald im Frühling“ an Begriffen wie Stabilität, Erdung und weiteren Assoziationen zum Motiv des Baumes. Die eigentliche Kunstvermittlung setzt sich anschließend im gemeinsamen Gespräch fort: Nach der Yogastunde nehmen sich alle Zeit, das Werk intensiv zu betrachten und ihre Eindrücke zu reflektieren. Selten bietet sich im Museum die Gelegenheit, so lange und aufmerksam vor einem einzelnen Gemälde zu verweilen.

„Es ermöglicht einem, ein Gemälde so anzuschauen, als hätte man noch nie zuvor eines in einem Museum gesehen“, betont Reis, die seit mehr als zehn Jahren in der Kunstvermittlung tätig ist. „Und im besten Fall ist das keine Ein-Personen-Show, sondern ein Austausch zwischen den Teilnehmenden und mir, bei dem wir ganz unvoreingenommen über unsere Eindrücke sprechen.“ Nach ihrer Erfahrung fällt es vielen Menschen schwer, über Kunst zu sprechen, weil sie befürchten, ihre Gedanken seien nicht intellektuell oder ausgereift genug. Gerade der gemeinsame Austausch zeige jedoch das Gegenteil. „Ich möchte nicht, dass Menschen nur deshalb in eine Ausstellung oder Führung gehen, weil man etwas gesehen haben muss“, sagt Reis. „Sondern dass sie dort hingehen und wirklich etwas für sich mitnehmen.“

Aktuell findet das Format im Prinzenpalais etwa einmal pro Halbjahr statt. Bei entsprechender Nachfrage könne sie sich jedoch vorstellen, die Veranstaltung häufiger anzubieten. Die Buchung erfolgt über die Website des Landesmuseums. Der nächste Termin ist am 28. Juni um 16 Uhr.

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. Mai 2026. (14.05.2026).

Vom Daddeldu

Es gibt Wörter, die machen einen einfach glücklich. Seitdem ich in Oldenburg lebe und mir die plattdeutsche Sprache vertrauter wird, lerne ich ab und an neue Begriffe, die mich zum Schmunzeln bringen. Poggenstohl zum Beispiel. Zusammengesetzt aus den Worten »Pogg« (Frosch) und »Stohl« (Stuhl), demnach ein »Froschstuhl«, handelt es sich um eine bildhafte Benennung für einen Pilz. Oder bregenklöterig: So nenne ich mich selbst oder andere gern an besonders verwirrten Tagen. Das Wort setzt sich aus »Bregen« (Gehirn oder Kopf) und »klöterig« (klapperig, lose) zusammen und beschreibt herrlich treffend das Gefühl, wenn im Kopf gerade nichts mehr richtig zusammenhält.

Denn Niederdeutsch ist eine sehr bildhafte, anschauliche und prägnante Sprache. Sie zeichnet sich durch humorvolle, bodenständige und oft verblüffend genaue Ausdrücke aus, die alltägliche Situationen, Gegenstände oder Charaktereigenschaften metaphorisch beschreiben.

Mein persönliches Lieblingswort aus diesem sprachlichen Schatz aber lautet: Daddeldu. Was bedeutet es? Der Journalist Markus Weise erklärte dazu bei Bremen Eins, »Daddeldu« bedeute so viel wie »nun ist genug« oder »es reicht für heute«. Ebenso gibt es die Theorie, dass das Wort aus dem Englischen entlehnt sein könnte, wobei sich der Sprech von den Seeleuten aus Sätzen wie »That will do« entwickelt hätte. Der Schriftsteller Joachim Ringelnatz brachte bereits 1923 den gut gelaunten Seemann Kuttel Daddeldu zu Papier, welcher seinen Kindern das Märchen vom Rotkäppchen erzählt. Der Seemann beginnt mit den Worten: »Also Kinners, wenn ihr mal fünf Minuten lang das Maul halten könnt, dann will ich euch die Geschichte vom Rotkäppchen erzählen, wenn ich mir das noch zusammenreimen kann. Der alte Kapitän Muckelmann hat mir das vorerzählt, als ich noch so klein und so dumm war, wie ihr jetzt seid. Und Kapitän Muckelmann hat nie gelogen. Also lissen tu mi. Da war mal ein kleines Mädchen. Das wurde Rotkäppchen angetitelt«. Eine schönere Verkörperung für dieses – zumindest für mich – schönsten plattdeutschen Wortes könnte ich mir gar kaum vorstellen. Wie man es auch dreht und wendet »That will do«, »es reicht«, das bedeutet vor allem eines: Feierabend. Denn die Spielzeitpause ist bereits nahe, in der sich alle Mitarbeitenden des Theaterbetriebes ihren wohlverdienten Urlaub nehmen können. Daher will ich an dieser Stelle ein Gedicht nicht vorenthalten, welches mir vom »Poetomat« auf Wunsch angefertigt wurde: 

»Daddeldu,

ik mok min 

Kopp nu zu. 

Ik mok ne Pulle 

auf, ik geh den

Deich hinauf

und lass der Welt ihren 

Verlauf.«

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. Juni/Juli 2025/26. (08.06.2026).

Solidarität mit Kuba

Benefizfestival im Marvin’s setzt ein Zeichen gegen die Blockade

Das Verhältnis zwischen den USA und Kuba bleibt auch mehr als 60 Jahre nach Beginn des Embargos angespannt. Die US-Regierung hält an weitreichenden Wirtschafts- und Finanzsanktionen fest, die den Handel und internationale Finanzgeschäfte Kubas erheblich erschweren. Angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Krise auf der Insel machen viele Solidaritätsinitiativen die jahrzehntelange Blockadepolitik mitverantwortlich für Versorgungsengpässe bei Medikamenten, Treibstoff und technischen Gütern. Aus Sorge um die aktuelle Entwicklung und als Zeichen der Solidarität mit der kubanischen Bevölkerung findet am Samstag, den 13. Juni, ab 15 Uhr im Marvin’s (Rosenstraße 6) das Kuba Soli Benefiz Festival statt. Der Eintritt ist frei, stattdessen werden Spenden für Kuba-Solidaritätsprojekte gesammelt, wie unter anderem „Cuba Sí“, eine Arbeitsgemeinschaft der Partei Die Linke, die sich für politische und materielle Solidarität mit dem sozialistischen Kuba engagiert, insbesondere durch Landwirtschafts- und Gesundheitsprojekte sowie das Zusammenstellen und Liefern von Spendencontainern. Für die Veranstaltung wurde ein Spendenkonto eingerichtet, auf das über einen QR-Code überwiesen werden kann. 

Die Idee für das Festival entstand aus persönlicher Betroffenheit, berichtet Organisator des Festivals Frank Pempe. Nach einer Kuba-Reise im vergangenen Jahr habe ihn die Verschärfung der wirtschaftlichen Situation auf der Insel und die Auswirkungen der US-Politik dazu bewegt, selbst aktiv zu werden. Besucherinnen und Besucher erwartet neben Live-Musik und Essen auf dem Benefizfestival auch ein Informationsprogramm mit aktuellen Berichten von Kuba-Reisenden, um auf die Situation aufmerksam zu machen. Über die organisatorische Arbeit berichtet Pempe: „Es macht Spaß. Es kommt ganz viel zurück. Wir wollen einen schönen Tag haben.“

Das Kuba Soli Benefiz Festival wird am Nachmittag von der „Poly Session Group“ eröffnet und leitet damit einen vielfältigen musikalischen Tag ein. Im weiteren Verlauf folgen unterschiedliche Live-Acts aus verschiedenen Genres, die die Bandbreite des Programms widerspiegeln. Zunächst tritt „Beelzebub Airlines“ auf und verbindet Progressive Rock, Jazz-Rock und Psychedelic zu einem experimentellen Klangmix. Anschließend bringt Ottmar Koehler mit afrokubanischer Percussion rhythmische Elemente in das Festivalprogramm ein. Mit Nino folgt ein Beitrag aus Singer-Songwriter- und Weltmusik. Die „Global Music Player Allstars“ stehen für interkulturelle Musik in wechselnden Besetzungen und setzen damit ein weiteres Zeichen für musikalische Vielfalt. Danach spielen „Mieze“ sowie die Indie- und Alternative-Rock-Band „Boffa Blank & The Pink.“ Es folgt „False Lefty“, deren Stil sich zwischen Alternative Rock, Indie und Post-Punk bewegt.

Mit „Soham“ kommt schließlich ein Beitrag mit meditativ geprägtem Postpunk auf die Bühne, bevor der Abend in eine energiegeladene Schlussphase übergeht. Den Ausklang gestaltet die Band „Kerndrift“ aus Oldenburg, die für lauten, kraftvollen Powercross steht und das Festival mit rockiger Intensität beendet. 

Marvin’s Inhaber Frank Pempe ist es wichtig, darauf hinzuweisen: „Es geht um Kuba.“ Und ergänzt: „Es brennt auf der ganzen Welt. Dort brennt es noch nicht. Aber die Lunte wurde angezündet.“

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. Juni 2026. (11.06.2026).

Jazzsommer in Oldenburg

Jazzsommer in Oldenburg Musikschule der Stadt Oldenburg lädt zum Workshop „Rooftop Groove“ und Konzertabend ein

Dass Oldenburg über eine rege freie Kultur- und vor allem Jazzszene verfügt, ist über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. So gibt es unter anderem freie Theater, das Musik- und Literaturhaus Wilhelm13 und die Jazzmusiker Initiative Oldenburg, die diverse Jazzreihen und Konzerte anbieten und organisieren. Und auch in diesem Sommer erwartet Oldenburg und umzu ein Kultursommer mit vielen Angeboten. 

Die Musikschule der Stadt Oldenburg lädt im Rahmen des Oldenburger Jazzsommers mit Angeboten zum Mitmachen und Zuhören ein. Im Juni wird für Musiker und Musikerinnen der Workshop „Rooftop Groove“ mit dem Judith Tellado & Paulo Pereira Quintett angeboten, bei dem gemeinsam mit geschulten Dozenten und Dozentinnen an musikalischer Praxis, Groove und Ensemblespiel gearbeitet werden kann. Ausgangspunkt für den Workshop ist eine Originalkomposition, die zunächst vom Quintett präsentiert und anschließend gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern weiter arrangiert wird. Im Anschluss vertiefen instrumentenspezifische Gruppen die Bereiche Stilistik, Groove, Harmonik, Improvisation und Zusammenspiel.

Der Workshop findet am Sonntag, 14. Juni, von 14 bis 18 Uhr im Musikschulgebäude an der Grundschule Bloherfelde, Schramperweg 59, statt. Der Workshop richtet sich an fortgeschrittene Anfänger:innen sowie erfahrene Jazzmusiker:innen auf allen Bigband-Instrumenten, die ihr Zusammenspiel verfeinern und professionelle Ensemblearbeit erleben wollen.

Am Freitag, 19. Juni, folgt mit dem Doppelkonzert des Judith Tellado & Paulo Pereira Quintetts mit der Bigband „Windstärke 12“ im Wilhelm13 ein weiteres Highlight des Oldenburger Jazzsommers. Ein abwechslungsreiches Konzertprogramm aus frischen Jazzarrangements, zeitlosen Soul-Klassikern und eigenen Stücken erwartet das Publikum. Mit Gesang, Tasten-, Saiten- und Blasinstrumenten sowie Drums entwickelt das Quintett einen vielschichtigen Sound zwischen moderner Jazztradition und improvisatorischem Spiel.

Eröffnet wird der Konzertabend durch die Bigband der Musikschule „Windstärke 12“ gemeinsam mit ihrer Sängerin Elsa Menzel unter der Leitung von Paulo Pereira. Das Ensemble ist seit 1999 in der Stadt etabliert. Sein Repertoire reicht von eigenen Kompositionen über instrumentale und vokale Bearbeitungen von Swing-Klassikern sowie Funk- und Latin-Jazz bis hin zu aktuellen Popsongs und bildet damit die stilistische Vielfalt moderner Bigband-Musik ab.

Tickets für das Konzert sind im Vorverkauf über die Website der Spielstätte Wilhelm13 erhältlich. 

                                                                                            

Weitere Informationen: 

Die Zahl der Plätze für den Workshop „Rooftop Groove“ ist begrenzt. Für Schülerinnen und Schüler der Musikschule der Stadt Oldenburg ist die Teilnahme kostenfrei, externe Teilnehmende zahlen 10 Euro. Die Anmeldung erfolgt über das Online-Portal der Musikschule unter www.oldenburg.de/musikschule. Anmeldeschluss ist Mittwoch, 27. Mai.

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. Juni 2026. (11.06.2026).

»Mich beeindruckt ihr Mut.«

Dramaturgin Annika Müller im Gespräch mit Regisseurin Hannah Koppermann zur Produktion »Heartship«

Am 15. Mai feiert die Inszenierung »Heartship« in der Exhalle Premiere. In dem Stück geht es um die Geschichte zweier Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Sara, eine feministische Stand-Up-Künstlerin, lädt zu ihrem regelmäßigen Programm in die Kneipe Heartship – ein Ort für Wut, Witz und Empowerment. Die Augenärztin Ann, die durch Zufall in eine der Shows gerät, hat wenig Erfahrung damit, sich öffentlich zu empören. Zu groß ist die Scham zu erzählen, dass sie sowohl in ihrer Vergangenheit als auch in ihrer Gegenwart mit sexuellen Übergriffen und Grenzüberschreitungen von Männern kämpft. Als sich die beiden später begegnen, entwickelt sich eine innige Bindung. Gemeinsam stellen sie sich mit überraschender Leichtigkeit ihrem Alltag zwischen Selbstoptimierung und Traumata und stellen sich gemeinsam gegen den Druck der Gesellschaft. 

Du bist Regieassistentin hier am Haus und hast bereits kleinere Inszenierungen in der Niederdeutschen Sparte und der Sparte 7 umgesetzt. Das ist deine erste Inszenierung in der Schauspielsparte. Was sind dabei Herausforderungen und worauf freust du dich?

Hannah Koppermann: Ich glaube, die größte Herausforderung ist, die Rolle als Regieassistentin abzulegen und wirklich in der Position der Regie anzukommen, also nicht in alte Muster zurückzufallen. Das bedeutet vor allem, nicht mehr primär organisatorisch zu denken, sondern künstlerisch zu arbeiten. Genau darauf freue ich mich aber auch: meine eigenen künstlerischen Gedanken endlich umsetzen zu können, anstatt nur zu beobachten, wie andere Regisseur:innen ihre Ideen realisieren. Im Studium habe ich häufig gemeinsam mit einer zweiten Person Regie geführt. Deshalb habe ich großen Respekt davor, diese Position allein auszufüllen. Gleichzeitig weiß ich aber, dass ich nicht wirklich allein bin. Ich arbeite im Team mit der Bühnenbildnerin, der Dramaturgie und den Schauspielerinnen. Und genau darin liegt für mich auch die Chance, weiter zu lernen und mehr Vertrauen in mich selbst zu entwickeln.

Wir begegnen in dem Stück »Heartship« den beiden Figuren Sara und Ann, die an ganz unterschiedlichen Punkten in ihrem Leben und ihrer Emanzipation stehen. Was interessiert dich besonders an den beiden Frauen?

Sara ist diejenige, die das System Patriarchat bereits stärker durchdrungen hat und Wege gefunden hat, sich davon zu lösen. Mich beeindruckt ihr Mut. Besonders, wie klar und selbstbewusst sie ihre Sprache einsetzt und sich mitteilt. An Ann interessiert mich, dass sich – so glaube ich – viele Frauen in ihr wiederfinden können. Sie spürt, dass sie unter patriarchalen Strukturen leidet, hat diese aber noch nicht vollständig erkannt und weiß noch nicht, wie sie sich davon befreien kann. Ich erkenne mich darin auch selbst wieder. Lange Zeit war ich wie Ann. Erst durch Freund:innen, durch meine Arbeit und durch verschiedene Erfahrungen habe ich begonnen zu verstehen, wie dieses System wirkt. Ich würde nicht sagen, dass ich mich vollständig davon befreit habe. Auch nicht von allen Denkmustern. Aber ich hoffe, dass ich auf dem Weg bin, mich in Richtung Sara zu entwickeln.

Warum findest du es wichtig, Stücke wie »Heartship« auf die Bühne zu bringen?

Gerade in den letzten Wochen ist wieder sehr deutlich geworden, wie stark Frauen unter patriarchalen Strukturen leiden. Deshalb ist es umso wichtiger, weibliche Stimmen sichtbar und hörbar zu machen.

Genau das passiert in Caren Jeß’ Stück: Zwei Frauen erzählen ihre Perspektiven und zwar ausschließlich ihre eigenen. Diese Klarheit und Fokussierung halte ich für unglaublich wichtig, und genau das macht den besonderen Wert dieses Stücks für mich aus.

Sara und Ann sagen selbst, ihre Beziehung sei ein »Heartship«, da sie nicht klar als Liebesbeziehung noch als bloße Freundschaft einzuordnen ist. Warum sind uns Labels so wichtig und was bedeutet es, sie aufzubrechen?

Ich glaube, ich habe darauf zwei Antworten: eine persönliche und eine eher gesellschaftliche. Ganz persönlich merke ich, dass ich gern Kontrolle über Dinge habe. Labels helfen mir dabei, weil sie mir eine gewisse Sicherheit geben. Gleichzeitig wünsche ich mir – für mich selbst und vielleicht auch für die Gesellschaft –, dass wir uns ein Stück weit davon lösen können. Dass wir Beziehungen offener betrachten und nicht immer sofort einordnen müssen. Denn Beziehungen sind selten eindeutig. Sie bewegen sich in Graubereichen, in Spektren und genau diese Vielschichtigkeit sollte auch Platz haben. Egal ob Liebesbeziehung, Freundschaft, familiäre Verbindung oder eben ein »Heartship«.

Die Fragen stellte Annika Müller

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. Mai 2025/26. (02.05.2026).   

Pixel, Punkte, Prestige – eSports-Event in der Sparte 7 

Was war das erste Spiel, das ihr auf einer Konsole oder am Computer gespielt habt? Für viele beginnt genau hier eine ganz persönliche Geschichte. Für mich waren diese ersten, noch etwas holprigen Schritte in digitale Welten vermutlich »Töff Töff« oder »Freddi Fisch« am Familien-PC. Später folgten Klassiker wie »Die Sims« auf dem Laptop, »Super Mario Land« auf dem Game Boy oder »Animal Crossing« auf dem Nintendo DS. Und natürlich: »Mario Kart«, das mich schon früh auf den Nintendo-Konsolen begeistern konnte. Stundenlanges Spielen, Leveln, Sammeln, erfüllen von Fetchquests und Lösen von Rätseln und das Gefühl, immer noch eine Runde dranhängen zu wollen.

Doch was genau machen Spiele mit uns, dass sie uns so in ihren Bann ziehen? Vielleicht ist es die Mischung aus Herausforderung und Belohnung, aus Eskapismus und Kontrolle. Spiele geben uns die Möglichkeit, in andere Rollen zu schlüpfen, Welten zu erkunden und Fortschritte unmittelbar zu erleben. Jedes geschaffte Level, jede gewonnene Runde ist ein kleines Erfolgserlebnis und genau diese Momente bleiben im Gedächtnis, vor allem wenn wir mit unseren Freund:innen gespielt haben.

Und dann ist da die Nostalgie. Konsolen wie der GameCube stehen heute nicht nur für Technik, sondern für Erinnerungen: an Nachmittage vor dem Bildschirm, an gemeinsame Duelle mit Freund:innen, an Frust und Triumph gleichermaßen. Spiele sind eben nie nur Spiele, sondern immer auch Zeitkapseln.

Oder wart ihr vielleicht sogar noch früher dabei? In Bars, Kneipen oder Spielhallen an den Arcade-Automaten? Sie sind mehr als nur Spielgeräte, sie sind ein Stück lebendige Popkultur. Mit ihren leuchtenden Bildschirmen, den markanten Sounds und den einfachen, aber fesselnden Spielprinzipien prägten sie ganze Generationen. Ob in verrauchten Spielhallen der 80er-Jahre oder als nostalgisches Highlight in modernen Bars: Arcade-Automaten stehen für den Ursprung vieler Videospielklassiker und für eine Zeit, in der Highscores noch mit Initialen verewigt wurden.

Ihr Reiz liegt nicht nur in der Technik, sondern vor allem im Erlebnis. Das Klackern der Joysticks, das hektische Drücken der Buttons und der direkte Wettbewerb mit anderen Spielern schaffen eine Atmosphäre, die auch Jahrzehnte später nichts von ihrer Faszination verloren hat. Es geht um den Moment, um den direkten Vergleich der Highscores.

Genau dieses Gefühl greifen wir in der Sparte 7 wieder auf. Nachdem wir uns bereits im eSports-Format dem beliebten Klassiker »Mario Kart« gewidmet haben, geht es nun einen Schritt weiter: Im Oldenburger Computer-Museum treffen beim nächsten eSports-Event der Sparte 7 Vergangenheit und Gegenwart aufeinander. Am 2. Mai erwartet euch dort nicht nur ein Event auf großer Leinwand, sondern ein echtes Eintauchen in die Geschichte des Spielens.

In vier Teams treten die Teilnehmer:innen gegeneinander an Konsolen, Arcade-Automaten und klassischen Rechnern an. Gespielt werden ikonische Titel wie »Pong«, »Pac-Man« oder »Space Invaders«. Jede Runde bringt Punkte, jede Disziplin neue Herausforderungen. Wer die meisten Punkte gesammelt hat und sowohl die Ehre als auch die Ähre mit nach Hause nimmt, bleibt bis zum Schluss offen.

Was zählt, ist ohnehin mehr als der Sieg: Es geht ums Ausprobieren, ums Erinnern, ums gemeinsame Erleben. Ein Event zum Mitmachen, Entdecken, Mitfiebern und vielleicht auch, um das eigene erste Spielerlebnis wieder ein kleines Stück weit neu zu erleben.

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. Mai 2025/26. (02.05.2026).   

„Gleichberechtigung im Grundgesetz“: Wanderausstellung macht Station in Oldenburg

Vom 30. April bis 10. Juli macht die Ausstellung „Gleichberechtigung im Grundgesetz – Das Ringen um Frauenrechte und Demokratie in Deutschland“ Halt in Oldenburg. Die Ausstellung wurde vom Gleichstellungsbüro des Landkreises Harburg entwickelt und wird auf Initiative des Gleichstellungsbüros der Stadt Oldenburg an verschiedenen Standorten im Stadtgebiet präsentiert.

Die Ausstellung beleuchtet mutige Stimmen, prägende historische Wendepunkte und den jahrzehntelangen Einsatz für die Gleichstellung von Frauen in Deutschland. Im Fokus stehen dabei Frauen, die sich für gleiche Rechte einsetzten und mit ihren Forderungen bis heute nachwirken. Besucherinnen und Besucher sollen auf diese Weise einen Überblick über die Verfassung, Verantwortung und gesellschaftlichen Wandel erhalten und nachvollziehen können.

Vier Institutionen öffnen für die Schau ihre Türen. So ist die Ausstellung zuerst in Oldenburg vom 30. April bis zum 16. Mai in der Stadtbibliothek des PFL (Peterstraße 3) zu sehen. Im Anschluss wird sie vom 18. Mai bis 3. Juni im Foyer des Oldenburgischen Staatstheaters (Theaterwall 28) ihren Platz finden. Weiter zieht die Ausstellung vom 5. Juni bis 26. Juni in die Polizeidirektion Oldenburg (Theodor-Tantzen-Platz 8). Ihre letzte Station ist dann vom 29. Juni bis 10. Juli der AWO Bezirksverband Weser-Ems e. V. (Klingenbergstraße 73). 

Das Begleitprogramm zur Ausstellung umfasst diverse Vorträge und startet am Mittwoch, den 29. April, um 19 Uhr mit dem Vortrag „Demokratie braucht Gleichberechtigung“ von Prof. Dr. Ulrike Lembke. Am Montag, 11. Mai, um 18.30 Uhr folgt ein Vortrag von Katharina Mosene (M.A.) mit dem Titel „Von Artikel 3 zu Algorithmus: Gleichberechtigung im digitalen Zeitalter verteidigen“. Am Dienstag, 12. Mai, ebenfalls um 18.30 Uhr, wird der Film „Die Mütter des Grundgesetzes – Ihr Kampf um Gleichberechtigung“ gezeigt. Der Eintritt zu den Veranstaltungen ist frei, gegebenenfalls ist eine Anmeldung vorab notwendig. 

Parallel zur Wanderausstellung wird zudem in der Oldenburger Innenstadt an der Ecke Haarenstraße/Lange Straße eine Open-Air-Ausstellung der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte gezeigt. Sie rückt historische Schauplätze in den Fokus, an denen sich Menschen für die Gleichberechtigung der Geschlechter eingesetzt haben.

Anlass für die Konzeption der Ausstellung durch die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Harburg war der 75. Jahrestag des Grundgesetzes (GG) und damit auch das Jubiläum von Artikel 3 GG („Männer und Frauen sind gleichberechtigt“). Der Geburtstag am 23. Mai bildet zugleich den Anlass, die Ausstellung in Oldenburg zu präsentieren. Renate Vossler, stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Oldenburg, beantwortet der MoX, warum das Gleichstellungsbüro die Ausstellung nach Oldenburg holen wollte: „Es geht uns darum, die Erinnerung an den Kampf um Frauenrechte und gleichberechtigte Teilhabe wachzuhalten und für Frauenrechte zu sensibilisieren.“ Auch sei es ein Anliegen, eine niedrigschwellige Wissensvermittlung zu ermöglichen. Daher wird die Ausstellung an vier Standorten innerhalb der drei Monate gezeigt. 

Die Besucherinnen und Besucher sollen dabei vor allem die Kernaussage des Artikel 3 im Grundgesetz mitnehmen: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“. Denn Frauenrechte sind Menschen- und Grundrechte und müssen daher auch im Jahr 2026 weiterhin aktiv verteidigt und gestärkt werden. Vossler betont: „Heute nach fast 80 Jahren ist die verfassungsrechtlich garantierte Gleichstellung noch immer nicht erreicht. Ganz im Gegenteil bemerken wir weltweit und auch in Deutschland antifeministische Tendenzen, eine Retraditionalisierung der Geschlechtsrollen und das Infragestellen von Frauenrechten.“

Auf die Frage, wo sie aktuell die größten Herausforderungen sieht, antwortet Renate Vossler: „Das TOP-Thema ist leider nach wie vor Gewalt gegen Frauen. Durch öffentlichkeitswirksame Kampagnen wie #Aufschrei, #MeeToo und aktuell der Skandal – oder besser gesagt – die Skandale um Deepfakes rücken das Thema verstärkt in den Fokus. Es wird zunehmend deutlich, dass es sich bei Gewalt gegen Frauen nicht um eine Privatangelegenheit handelt, sondern dass es ein gesamtgesellschaftliches Problem ist und gesamtgesellschaftlich gelöst werden muss. Und deshalb muss sich sowohl auf der gesetzgeberischen Ebene, der strukturellen Ebene als auch in den Köpfen der Menschen noch vieles ändern.“

Die Geschlechtersegregation am Arbeitsmarkt sei ein weiteres brisantes Thema, vertieft Vossler die Aufzählung. Da vorwiegend von Frauen ausgeübte Tätigkeiten im Durchschnitt geringer entlohnt werden als vorwiegend von Männern ausgeübte Tätigkeiten. 

Verknüpft mit mangelnder Repräsentanz auf Führungsebene und einem hohen Anteil an Teilzeitarbeit trägt dies erheblich zum Gender Pay Gap bei, was wiederum den Gender Care Gap bedingt. Vossler schließt: „Alles hängt mit allem zusammen und wir können kein Phänomen für sich allein betrachten.“

Die Ausstellung wird in Kooperation mit den Gleichstellungsbeauftragten des AWO Bezirksverbands Weser-Ems e. V., des Oldenburgischen Staatstheaters sowie der Polizeidirektion Oldenburg ermöglicht. Gefördert wird das Projekt vom Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung im Rahmen der Initiative „Gleichstellung sichtbar machen – CEDAW in Niedersachsen“.

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. Mai 2026. (30.04.2026).

»Und vielleicht sind die Sonne und der Mond gar nicht so weit voneinander entfernt«

Ein Interview mit Malak Kadour 

Malak Kadour ist acht, als ihre Eltern gezwungen sind, mit ihrer Familie aus ihrem Heimatland Syrien zu fliehen – vor dem Krieg und den Bombenangriffen, die begannen, als sie vier war, und vor den Repressionen, die der Familie durch das Assad-Regime drohen. Sie erlebt die Flucht über das Mittelmeer und die Balkanroute mit all der erschreckenden Härte und den kleinen schönen Momenten, die sie als Kind darin findet. Mit 14 Jahren beginnt die junge Oldenburgerin, ausgehend von einer Hausaufgabe, ihre Geschichte festzuhalten und sich als Jugendliche schreibend an ihre Erlebnisse zu erinnern. Daraus entsteht ihr Buch »Zwischen Hin und Her. Meine Flucht aus Syrien«, das am 4. April im Oldenburgischen Staatstheater Premiere feiert.

Malak Kadour ist heute 18 Jahre alt und selbst Teil der Entstehung dieses Projekts. Gemeinsam mit zwei Schauspielerinnen erzählt sie ihre Geschichte auf der Bühne erneut: Sie erinnern sich zusammen, blicken zurück und nach vorn und eröffnen – abseits der aktuellen, oft menschenverachtenden politischen Debatten um Migration – einen empathischen Blick darauf, wie ein Kind die Flucht um Leben und Freiheit erlebt.

Malak, die Fluchtgeschichte von deiner Familie und dir wird nun auf die Bühne gebracht. Du hast diese im Alter von 14 Jahren aufgeschrieben. Heute, mit 18 Jahren, stehst du auf der Bühne, um die Geschichte noch einmal zu erzählen. Was bedeutet das für dich?

Das bedeutet mir eine ganze Menge. Als ich 14 Jahre alt war, war ich vor allem damit beschäftigt, meine Erinnerungen zu ordnen. In meinem Kopf tauchten immer wieder einzelne Bilder und Szenen auf. Ich habe versucht, diese Puzzleteile zusammenzufügen, damit daraus ein großes Bild entsteht. Mein Fokus lag damals darauf, die Ereignisse logisch zu sortieren und auch Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden. 

Durch die vielen Lesungen, die ich später gemacht habe, kam dann eine neue, sehr emotionale Ebene dazu. In Gesprächen mit dem Publikum habe ich mich stärker mit dem Erlebten auseinandergesetzt. Aus diesen Erfahrungen – aus dem Schreiben und aus den Begegnungen – kann ich jetzt mit 18 Jahren das Theaterstück gestalten. Ich habe heute einen rationaleren Blick darauf.

Außerdem habe ich das Gefühl, dass ich mich inzwischen besser ausdrücken kann. Mit 14 konnte ich die deutsche Sprache noch nicht so gut. Beim Wiederlesen meines Textes habe ich oft gedacht, dass ich vieles gern anders formuliert hätte. Das Theaterstück gibt mir jetzt die Möglichkeit, manches noch einmal neu zu erzählen. Vielleicht so, wie ich das Buch heute schreiben würde.

Gleichzeitig weiß ich: Wahrscheinlich werde ich in ein paar Jahren wieder zurückblicken und denken, dass ich etwas anders hätte sagen wollen. Aber genau dieser Prozess gehört wohl dazu. Sehr wichtig ist für mich auch das Team, mit dem ich arbeite: die Schauspielerinnen Paulina Hobratschk und Veronique Coubard, die Regisseurin Pia Epping, die Ausstatterin Johanna Bode, die Leiterin der Sparte 7 Gesine Geppert und auch du, Annika. Durch das gemeinsame Erzählen, Wiederholen und Bearbeiten der Geschichte hatte ich das Gefühl, dass das auch etwas Therapeutisches hat. 

Dein Buch »Zwischen Hin und Her. Meine Flucht aus Syrien« entstand aus einer Hausaufgabe. Wann hast du gemerkt, dass daraus mehr werden könnte?

Als ich die Hausaufgabe geschrieben hatte, kam meine Klassenlehrerin auf die Idee: »Warum schreibst du nicht ein Buch darüber?« In dem Moment konnte ich mir zwar vorstellen, dass daraus mehr werden könnte, aber wirklich daran geglaubt habe ich nicht. Ich wollte es trotzdem versuchen. Ich habe geschrieben, um mich an meine Familie zu erinnern, um sie nicht zu vergessen, um das, was ich erlebt habe, festzuhalten, weil ich gemerkt habe, dass man beim Erwachsenwerden jede Menge Erinnerungen verliert.

So richtig verstanden, dass es mehr werden könnte, habe ich erst bei meinen Lesungen. Als ich gemerkt habe, dass Menschen bereit waren mir zuzuhören und dass sie extra zu meinen Lesungen gekommen sind, weil sie wirklich interessiert waren. Als mir so viel Zuspruch gegeben wurde, hatte ich dann das Gefühl, das könnte wirklich größer werden.

Wie hast du als Kind den Krieg wahrgenommen? Was hast du verstanden, was vielleicht noch nicht?

Ich hatte schon früh ein Bauchgefühl, dass um mich herum etwas passiert. Man hat es auch in den Blicken der Menschen gesehen. Da waren diese durcheinandergewürfelten, chaotischen Gefühle, die mich sehr aufgewühlt haben. Lange habe ich aber nicht wirklich verstanden, worum es geht. Dass das alles „Krieg“ heißt und dass man dieses Chaos, dieses gegenseitige Töten, überhaupt so nennt.

Ich habe vieles nur gespürt, ohne es wirklich begreifen zu können. Zum Beispiel habe ich nicht verstanden, dass Menschen – Verwandte, Freunde oder Bekannte – wirklich für immer weg sind, wenn sie sterben. Dass jemand gestern noch mit dir gesprochen hat und dann einfach von dieser Welt verschwinden kann und nie wieder zurückkommt. Das war für mich als Kind sehr verwirrend. Ich habe oft geweint und war wütend, eigentlich auf alles. In solchen Momenten hat mir meine Oma sehr geholfen. Was sie mir damals erzählt und versprochen hat, erfährt man im Theaterstück »Zwischen Hin und Her«.

Gab es auf der Flucht Momente, die dir besonders Kraft gegeben haben?

Ja, auf jeden Fall. Wenn man das Cover meines Buches anschaut, sieht man dort den Mond. Lustigerweise mag ich eigentlich die Sonne viel lieber und fühle mich ihr näher. Aber auf der Flucht war der Mond sehr wichtig für mich.

Wir haben uns meistens nachts fortbewegt, weil es dann etwas sicherer war als am Tag. Der Mond war dabei immer da. Er war einfach still am Himmel, ohne sich aufzudrängen. Wenn ich nach oben geschaut habe, hatte ich das Gefühl, dass er mit uns mitgeht. Das hat mir Trost gegeben, weil ich mich dadurch weniger allein gefühlt habe. Solange der Mond da war und meine Familie bei mir war, hatte ich das Gefühl, dass sich vielleicht doch nicht alles verändert hat.

Kraft haben mir auch die anderen Kinder gegeben, die ich auf der Flucht getroffen habe. Dabei haben wir oft gar nicht dieselbe Sprache gesprochen. Trotzdem konnten wir miteinander spielen und uns verstehen. Das hat mir gezeigt, dass Menschen sich auch ohne gemeinsame Sprache begegnen können. Egal wo ich bin, solange ich mich selbst nicht verliere und die Menschen bei mir habe, die mir wichtig sind, kann ich immer wieder neu anfangen.

Diese Erfahrung habe ich später auch im Flüchtlingslager gemacht. Dort haben Menschen viele verschiedene Sprachen gesprochen und kamen aus unterschiedlichen Kulturen. Trotzdem waren wir miteinander verbunden, einfach weil wir alle Menschen sind.

Ich glaube, diese Gemeinsamkeit reicht eigentlich schon. Wir müssen nicht dieselbe Sprache sprechen oder gleich aussehen. Es wäre schön, wenn wir neugierig aufeinander zugehen würden – auf andere Kulturen, anderes Essen, andere Sprachen – statt mit Angst oder Vorurteilen zu reagieren.

Wir haben alle unsere Verschiedenheiten und trotzdem die Gemeinsamkeit, dass wir Menschen sind. Und da ist es auch wirklich egal, wo und mit wem wir leben, solange wir diese Menschlichkeit noch haben, wird alles gut sein. Und das hat mir sogar der Mond versprochen.

Was hat dich am meisten überrascht, als du später auf diese Zeit zurückgeblickt hast?

Um ehrlich zu sein: vieles. Aber als Erstes fällt mir die Sprachbarriere ein, die ich hatte, als ich in Deutschland angekommen bin – im Flüchtlingslager, in der Grundschule und auch später. Ich konnte damals kein Deutsch und trotzdem habe ich mich irgendwie mit den anderen verständigt. Und irgendwann konnte ich die Sprache plötzlich.

Bis heute frage ich mich manchmal, wie das eigentlich passiert ist, dass ich auf Deutsch, Deutsch gelernt habe. Man sagt ja oft, dass Kinder Sprachen schneller lernen. Aber wenn ich heute versuche, zum Beispiel Niederländisch zu lernen, merke ich, dass mir das gar nicht so leicht fällt. Deshalb überrascht es mich immer noch.

Was wünschst du dir, was das Publikum aus der Vorstellung mitnimmt?

Was ich mir sehr wünsche, ist, dass wir diese hasserfüllte Mauer zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen überwinden. Ich würde gern über diese Mauer tanzen, pfeifen und lachen und vielleicht auch anderen helfen, hinaufzukommen, damit wir sie gemeinsam überwinden können. Jeder Mensch trägt eine Geschichte und eine Vergangenheit mit sich, auch wenn man sie von außen nicht sieht. Deshalb kann man Menschen nicht einfach oberflächlich einordnen oder beurteilen. Ich möchte deutlich machen, dass die »Flüchtlinge«, von denen wir in den Nachrichten hören oder über die im Fernsehen berichtet wird, nicht einfach nur irgendeine große Zahl sind. Es sind nicht einfach Menschen, die nebenbei im Krieg gestorben sind und dann wieder vergessen werden. Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch mit einem eigenen Leben, einer eigenen Geschichte. Sie alle haben Familien und Menschen, die ihnen wichtig sind. Es sind Kinder, Großeltern, Mütter und Väter – geliebte Menschen. Menschen, die lachen, hoffen, träumen und versuchen, ihre Liebsten zu beschützen. Menschen, die genau wie wir Angst haben, alles zu verlieren. Und genauso wie jeder von uns haben auch sie Angst vor dem Tod. Warum wird ihr Leid dann so oft verharmlost? Warum wirken diese grausamen Tode in den Nachrichten manchmal wie eine ferne Statistik, an die man sich schnell gewöhnt? Was wäre, wenn wir es wären? Wenn eure Familien fliehen müssten, wenn eure Häuser zerstört werden und ihr um euren Leben fürchten müssten? Würden wir dann auch nur eine Zahl in einer Meldung sein – oder würden wir uns wünschen, dass die Welt sieht, dass wir mehr sind als das: Menschen. Und auch die Geflüchteten sind mehr als das. Es sind Kämpfer, die es bis hierher geschafft haben. Und dabei alles, was sie sich je aufgebaut haben, aufgeben mussten.

Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft hier in Deutschland weiter zusammenwächst und nicht auseinanderdriftet. Die Welt ist ohnehin schon düster genug. Wir müssen sie nicht noch mit Hass, Vorurteilen und Kriegen weiter verdunkeln. Wir können auch einfach zusammenleben und uns mit unseren Unterschieden akzeptieren.

Für mich persönlich hat dieses Projekt auch noch eine andere Bedeutung. Damals fehlten mir die Worte, auf Arabisch genauso wie auf Deutsch. Es war nur ein Gefühl, für das ich keine Sprache hatte. Heute habe ich das Gefühl, dass ich, die ältere Malak, ein Werkzeug bin, um dieser kleinen Malak eine Stimme zu geben. Vielleicht kann sie dadurch ein bisschen ruhiger in mir werden. Früher fühlte es sich oft an, als hätte ich einen Kloß im Hals, als würde mir die Luft fehlen. Jetzt kann die kleine Malak endlich ein bisschen Luft holen.

Und vielleicht sind die Sonne und der Mond gar nicht so weit voneinander entfernt und vielleicht können sie auch zusammen in meinem Herzen existieren – und in allen anderen auch.

Die Fragen stellte Annika Müller

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. April 2025/26. (04.04.2026).    

Die Freundschaftsrente und das Theater

Vor einem Jahr sendete mir ein guter Freund einen Artikel zu. Darunter hatte er geschrieben: »Du bist meine Rente.« Mit Erstaunen las ich diese Nachricht. Ich sehe mich selbst nicht als Investition und auch nicht als zuverlässige monatliche (gar finanzielle) Zuwendung. Was sollte das überhaupt heißen?

Ich las den besagten Artikel und freute mich. In Havard untersuchen Forscher:innen in der »Harvard-Study of Adult Development« seit 85 Jahren anhand von Interviews und medizinischen Daten das Leben von 724 amerikanischen Männern und nachträglich auch das von deren Familienangehörigen. Es ist die weltweit am längsten laufende wissenschaftliche Studie über Risiken und Faktoren für Glück und Gesundheit. Die Erkenntnis der Langzeitstudie: Gute Beziehungen machen uns glücklicher und gesünder. 

Die Untersuchungen zeigen, dass Männer mit einem positiven Umfeld im Alter beispielsweise ein besseres Gedächtnis hatten. Dabei kommt es nicht auf Quantität, sondern Qualität an, denn es ist irrelevant, ob die Männer in einer festen Beziehung waren oder nicht, auch die Anzahl der Freund:innen spielte keine Rolle. Es kommt allgemein nur auf die Zufriedenheit in den bestehenden Beziehungen an. Einsamkeit hingegen gilt als gesundheitlicher Risikofaktor, der sich signifikant auf die Wahrscheinlichkeit für Herzerkrankungen und Schlaganfälle auswirkt. Es ergibt daher tatsächlich Sinn, in gute Freundschaften zu »investieren«. 

Und der Bogen zum Theater? Das Theater ist seit Jahrhunderten ein Ort des sozialen Zusammenkommens. Schon im antiken Griechenland war der Besuch der Aufführungen Teil des öffentlichen Lebens. In den großen Amphitheatern versammelten sich Menschen, um gemeinsam zu lachen, zu staunen oder zu diskutieren. Theater war damals immer auch ein gesellschaftlicher Raum, dies ist bis heute so geblieben.

Zwar sitzt man im Zuschauerraum meist still nebeneinander, doch das gemeinsame Schweigen verbindet. Man erlebt dieselbe Geschichte zur selben Zeit, reagiert gemeinsam auf einen Moment der Komik oder der Spannung. In bestimmten Situationen kommt es zum kollektiven Einatmen, Luftanhalten und zum gemeinsamen Lachen im Publikum.

Die soziale Dimension des Theaterbesuchs beginnt schon bei der Entscheidung: »Wen nehme ich mit?« Freund:innen, Familie, Kolleg:innen oder ein Date? Der Theaterabend wird zu einer Verabredung, zu einem Anlass, sich zu treffen und Zeit miteinander zu verbringen. 

Auch die Pause gehört zu diesem Ritual. Sie ist der Moment, in dem Eindrücke geteilt werden: »Wie findest du es bisher?« – »Hast du die Szene verstanden?« – »Die Musik war toll, oder?« Das Gespräch über das Gesehene ist Teil des Besuches. Auf dem Heimweg oder in der Bar um die Ecke wird weiter diskutiert über Lieblingsfiguren, irritierende Momente und Szenen, die bewegt haben. Theater ist anregend und erzeugt Gesprächsstoff. Es fordert dazu auf, Position zu beziehen, Eindrücke zu vergleichen und gemeinsam zu hinterfragen, was man gerade gesehen hat. Daher mein Rat: Kümmert euch um eure Freundschaftsrente und geht mal wieder zusammen mit jemandem, der euch wichtig ist, ins Theater!        

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. April 2025/26. (04.04.2026).                                  

„Wo stehen wir heute und jetzt?“ – Frauen*streik in Oldenburg

Am 9. März versammelten sich auf dem Oldenburger Schlossplatz über 1.900 Teilnehmer:innen, um sich am bundesweiten Frauen*streik zu beteiligen. Organisiert wurde die Demonstration vom Töchter Kollektiv, das ein vielfältiges Programm aus Redebeiträgen, Musik und kreativen Mitmachaktionen auf die Beine stellte. Rund um den Platz luden Stände zum Austausch ein, boten Möglichkeiten zur Vernetzung sowie Information und ergänzten das kuratierte Bühnenprogramm. 

In den Redebeiträgen ging es vor allem um Anerkennung und Gleichberechtigung, insbesondere in Pflegeberufen und in der Care-Arbeit, die noch immer überwiegend von Frauen* geleistet wird. Thematisiert wurde auch die oft unsichtbare Rolle der Frau als „Familienmanagerin“, die Organisation, emotionale Arbeit und Verantwortung im Alltag trägt, ohne dass diese Arbeit gesellschaftlich ausreichend anerkannt wird.

Dabei wurde deutlich benannt, wo Veränderungen notwendig sind: eine angemessene Bezahlung, die sich tatsächlich auf dem Lohnzettel widerspiegelt, bessere Ausbildungsbedingungen für junge Frauen*, mehr Sichtbarkeit von Frauen im Sport sowie insgesamt mehr Gleichstellung und gesellschaftliche Anerkennung in Bereichen, die traditionell von Frauen* geprägt sind. 

Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung von der Musikerin NAOMI aus Osnabrück. Mit ihrer Gitarre und gefühlvollen, zugleich politischen Liedern sorgte sie für besondere Momente auf der Bühne und unterstrich die Botschaften der Demonstration auf eindrucksvolle Weise. 

Auch einige Vereinsmitglieder des FC Medya Oldenburg standen auf der Bühne. In ihrem Beitrag plädierten sie für mehr Gleichberechtigung im Sport, für die stärkere Sichtbarmachung des Mädchenfußballs und für mehr Unterstützung von Mädchen, die sich im Sport ausprobieren möchten. 

Insgesamt beteiligten sich Menschen in über 80 Städten in ganz Deutschland an den Streiks. Die Veranstaltung in Oldenburg machte deutlich, wie viele unterschiedliche Themen und Perspektiven im Kampf für Gleichberechtigung zusammenkommen. Gleichzeitig wurde klar: Der Weg zu echter Gleichstellung ist noch lang. Die Demonstration auf dem Schlossplatz war damit nicht nur ein Zeichen der Solidarität, sondern auch ein Aufruf, die Debatten und das Engagement fortzuführen. Eine gelungene Veranstaltung des Töchter Kollektivs, von der es hoffentlich weitere geben wird, denn erreicht ist das Ziel noch lange nicht.

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. März 2026. (19.03.2026).