Schutz für Frauen und Kinder – Das Hanna-Haus in Oldenburg 

Gewalt gegen Frauen und Häusliche Gewalt werden zunehmend gesellschaftlich wahrgenommen, thematisiert und geächtet. Dennoch sind die Fallzahlen weiterhin alarmierend hoch. Im Jahr 2011 wurde daher bereits das „Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“ (die sogenannte Istanbul-Konvention) begründet, das 2018 in Deutschland wirksam wurde. Mit der Unterzeichnung verpflichteten sich die Vertragsstaaten zur Umsetzung von umfassenden Maßnahmen in Prävention und Intervention. 

Ein wichtiger Faktor ist dabei, dass bundesweit weiterhin Frauenhausplätze fehlen. Der Abschlussbericht der Task Force des Europarates zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen* und häuslicher Gewalt, empfiehlt einen Familienplatz (eine Frau mit mindestens einem Kind) pro 10.000 Einwohner*innen. Im Rahmen des Aktionsplans den der Rat der Stadt Oldenburg 2020 beschlossen hat, wurde daher die Erweiterung der Schutzangebote für von häuslicher Gewalt betroffene Frauen und ihre Kinder ausdrücklich als Maßnahme festgelegt. Ende 2025 wurde in Oldenburg das zweite Frauenhaus eröffnet. Das neue Frauenhaus der Johanniter, das den Namen Hanna-Haus trägt, besteht parallel zum Autonomen Frauenhaus. Beide dienen als Schutzhäuser, verfolgen jedoch unterschiedliche konzeptionelle Ansätze. Während der Standort des Autonomen Frauenhaus weiterhin anonymen ist, wurde der Standort des Frauenhauses Hanna bewusst öffentlich gemacht (Dammbleiche 22, 26135 Oldenburg). Unter dem Leitgedanken „Sichtbar, aber sicher“ soll deutlich werden, dass sich Frauen, die von Gewalt betroffen sind, nicht verstecken müssen. Und auch die kollektive Achtsamkeit spielt dabei eine Rolle: Die Einrichtung des Frauenhauses ist in der Nachbarschaft bekannt und wurde positiv aufgenommen. Niemand muss Bedenken haben, sich an das Hanna-Haus zu wenden. Wenn aus Sicherheitsgründen eine anonyme Unterbringung erforderlich ist oder diese von den Frauen gewünscht wird, erfolgt eine entsprechende Weitervermittlung. 

Der öffentliche Standort ermöglicht den Bewohnerinnen zudem, ihren Alltag weitgehend fortzuführen. Sie können beispielsweise ihrer beruflichen Tätigkeit nachgehen und ihre Kinder können fortgehend die Schule besuchen. Darüber hinaus wird im Haus eine offene Beratung angeboten, die sich auch an Frauen richtet, die nicht in der Einrichtung wohnen. Die Mitarbeitenden sind hierfür werktags von 8 bis 16 Uhr erreichbar.

Im Frauenhaus Hanna stehen insgesamt 14 Plätze zur Verfügung, die unterschiedliche Lebenssituationen berücksichtigen. Es gibt unter anderem Zimmer für Frauen mit mehreren Kindern. Auch Söhne bis zum Alter von 18 Jahren können gemeinsam mit ihren Müttern aufgenommen werden. Das Haus ist rollstuhlgerecht gestaltet und richtet sich an alle Frauen* unabhängig von Herkunft, Religion, sexueller Orientierung oder einer bestehenden Behinderung.

                                                                                                                    

Kontakt

Haus Hanna – Johanniter-Frauen- und Kinderschutzhaus Oldenburg

Dammbleiche 22, 26135 Oldenburg

Telefon: 36132-899

Veröffentlicht: Extrablatt. Women Today Oldenburg. 02/2026.

Zwischen Hin und Her – Was es heißt, sich auf der Bühne zu erinnern 

Was kann und darf Dokumentartheater? Darf es unterhalten, mitreißen, berühren?

Muss es jeden Schritt belegen, jede Aussage absichern? Wie kann es informieren und zugleich emotional sein? Und wie künstlerisch darf es werden, wenn es von realen Ereignissen erzählt? Das sind zentrale Fragen, sobald es darum geht, eine wahre Geschichte auf die Bühne zu bringen. Und sie werden umso drängender, wenn es die Geschichte eines Menschen ist, der selbst im Raum steht. Mit diesen Fragen haben wir uns in den vergangenen Monaten intensiv beschäftigt. Denn in der Sparte 7 wird die Geschichte einer jungen Oldenburgerin erzählt.

Malak Kadour ist acht Jahre alt, als ihre Familie Syrien verlassen muss. Der Krieg, der begann, als sie vier war, die Bombardierungen und die Repressionen des Assad-Regimes lassen keine Wahl. Es folgt die Flucht über das Mittelmeer und entlang der Balkanroute. Eine Reise voller Angst, Unsicherheit und existenzieller Bedrohung, bei der viele Menschen nicht ankommen, da ihnen das Geld ausgeht, sie krank werden oder sterben. Und zugleich eine Zeit, in der ein Kind kleine und schöne Momente von Freude findet und sein Lachen und seine Leichtigkeit nicht verliert.

Mit 14 beginnt Malak, angestoßen durch eine Schulaufgabe, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Das Schreiben wird zu einer Form der Verarbeitung, zu einem Versuch, sich das Erlebte zurückzuerobern. Aus einer Hausaufgabe entsteht eine Erzählung, aus der Erzählung ein Buch. »Zwischen Hin und Her. Meine Flucht aus Syrien« erscheint 2022 im Global Music Player Verlag in Oldenburg. Im selben Jahr erhält die Autorin eine Sonderauszeichnung beim Niedersächsischen Jugendkulturpreis „Zeit für Ideen“ sowie den Integrationspreis der Stadt Oldenburg.

Heute ist Malak 18 Jahre alt und Teil der Theaterproduktion, die auf ihrem Buch basiert. Damit verschiebt sich ihre Rolle: Sie erzählt die Geschichte der achtjährigen Malak noch einmal. Gemeinsam mit zwei Schauspielerinnen steht sie auf der Bühne. Sie erinnern sich, sprechen, widersprechen einander, ergänzen sich.

So entsteht eine komplexe Perspektive auf die erlebte Zeit. Die unmittelbare Sicht eines Kindes, die Erinnerung einer Jugendlichen, die ihre ersten Jahre in Deutschland verbracht hat und der reflektierende Blick der jungen Erwachsenen knapp 10 Jahre nach der Flucht. Vergangenheit und Gegenwart stehen nebeneinander. Denn Erinnerungen sind selten eindeutig. Sie sind bruchstückhaft, überlagert, in Bewegung. Die Darstellerinnen tragen dabei die Last der Erinnerung gemeinsam und stützen einander. 

Zugleich ist es Malak Kadour wichtig, den Blick auch auf die Perspektive ihrer Eltern zu richten. Auch Malaks Vater dokumentierte seine Erlebnisse schreibend auf Facebook in Form von Gedichten. Was bedeutet Krieg, Tod und Flucht aus der Perspektive eines Kindes? Und was aus der eines Elternteils? 

Gerade darin liegt die besondere Kraft dieser Inszenierung. Theater ist ein Ort der Gleichzeitigkeit. Die achtjährige Malak, die das Meer überquert, und die 18-jährige Malak, die davon erzählt, begegnen sich im selben Raum. Es geht darum gemeinsam hinzusehen, Ambivalenzen und Leerstellen auszuhalten, sich zu erinnern und einen empathischen Blick darauf zu werfen, wie ein Kind die Flucht um Leben und Freiheit erlebt.

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. März 2025/26. (06.03.2026). 

Skaten in Oldenburg 

Skateanlage Eversten frisch saniert und erweitert 

Natur, Vogelzwitschern und Beton: Rund sechs Monate dauerten die Bauarbeiten an der Anlage am Brandsweg. Rechtzeitig zum Frühling 2026 steht die erneuerte Skateanlage in Eversten den Oldenburger Skater:innen zur Verfügung. Die neue Fläche erstreckt sich über rund 1.250 Quadratmeter. Ein Rundkurs verknüpft verschiedene Elemente aus Street- und Flowelementen miteinander. Dadurch ist die Anlage gleichermaßen für Kinder, Anfänger:innen sowie für Fortgeschrittene und Erwachsene geeignet. Barrierearme und inklusive Angebote, auch für Menschen im Rollstuhl, machen den Skatepark zu einem Ort für alle, die Spaß an dem Sport haben. Die Planung des Areals lag dafür bei dem Büro endboss aus Hannover. Begleitet wurde das Vorhaben vom Fachdienst Stadtgrün – Planung und Neubau der Stadt Oldenburg.

Die Stadt Oldenburg veröffentlichte, dass die Bauarbeiten nicht ohne Herausforderungen verliefen. Nach einem intensiven Planungsprozess, der im Jahr 2023 startete, begannen im Juni 2025 die Bauarbeiten. Während der Bauphase erwiesen sich vor allem die parallel laufenden Leitungsarbeiten auf dem Schulgelände sowie die Witterungsbedingungen im Herbst und Winter als besondere Schwierigkeiten. Im Rahmen der Maßnahme wurde auch die angrenzende Grünanlage aufgewertet durch einen neuen Rad- und Fußweg für eine verbesserte Anbindung, neue Beetflächen, Baumpflanzungen und Sitzgelegenheiten. Eine neu angelegte Boulebahn erweitert zudem das Freizeitangebot. Die Grünflächen werden im Lauf des Frühjahres fertiggestellt. 

Gemeinsam mit dem Abenteuerspielplatz, dem Calisthenics-Park, den Sportangeboten des Turn- und Sportvereins Bloherfelde sowie dem Spielplatz am Schulzentrum soll in Eversten ein attraktiver Treffpunkt für Jung und Alt entstehen, der die Sport- und Freizeitlandschaft der Stadt Oldenburg bereichert. Zentral geht es dabei um ein modernes und inklusives Freizeitangebot für Einwohner:innen des gesamten Stadtgebiets. 

Die Fertigstellung soll nun gefeiert werden. Für das späte Frühjahr ist eine feierliche Eröffnung geplant. Die Veranstaltung wird gemeinsam mit verschiedenen Institutionen und Akteurinnen und Akteuren aus der Stadt sowie dem Stadtteil gestaltet und soll den neuen Ort in Eversten offiziell einweihen. Weitere Informationen zu Termin und Programm werden zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegeben.

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. März 2026. (05.03.2026).

#ohneunsstehtallesstill

Das Töchter Kollektiv organisiert bundesweiten Frauen*streik zum 09. März 

Am 9. März 2026 gehen auch in Oldenburg Menschen im Rahmen des bundesweiten Frauenstreiks auf die Straße. Die Bewegung setzt sich für die Gleichstellung von FLINTA*-Personen in allen Lebensbereichen ein. Dabei geht es von fairer Bezahlung über die Anerkennung von Care-Arbeit bis hin zum Schutz vor Gewalt und dem Recht auf körperliche Selbstbestimmung. In einer Zeit, in der Gleichstellungspolitik zunehmend infrage gestellt und traditionelle Rollenbilder wieder stärker propagiert werden, sehen die Organisator*innen akuten Handlungsbedarf. Im Interview spricht die Mitorganisatorin Melanie Deinert über die Hintergründe, Ziele und persönlichen Beweggründe für ihr Engagement.

MoX: Was ist das zentrale Anliegen des Frauenstreiks?

Melanie Deinert: Der zentrale Anspruch ist die Gleichstellung von Flinta in allen Lebensbereichen. Der Fokus ist natürlich abhängig von Stadt und Organisator*innen. Faire Bezahlung, Sichtbarmachung von unbezahlter Arbeit (Care Arbeit), die bessere Vereinbarung von Beruf und Familie, der Schutz vor Gewalt, die Selbstbestimmung über den eigenen Körper, etc… Du siehst, die Liste ist erweiterbar und daher ist es höchste Zeit, etwas zu tun.

MoX: Warum ist es gerade jetzt wichtig, auf die Straße zu gehen?

Melanie Deinert: Gerade jetzt ist es wichtig, auf die Straße zu gehen, weil wir erleben, wie gesellschaftliche Errungenschaften infrage gestellt werden. Wenn führende Politiker wie Merz Aussagen treffen, die traditionelle Rollenbilder verharmlosen oder Gleichstellung relativieren, dann ist das kein „Nebenschauplatz“, sondern ein Signal. Ein Signal dafür, dass Rechte von Frauen und queeren Menschen nicht selbstverständlich sind. Wir beobachten einen spürbaren Rechtsruck – in Deutschland und international. Rechte Kräfte gewinnen an Einfluss, feministische Anliegen werden als „übertrieben“ dargestellt, geschlechtergerechte Sprache lächerlich gemacht, und Gleichstellungspolitik wird als Ideologie diffamiert. 

MoX: Wer organisiert den Streik und wie lange gibt es die Bewegung hier vor Ort?

Melanie Deinert: Wir sind keine festgefügte Organisation, kein Verein mit Vorstand und Satzung. Wir sind eine zusammengewürfelte, bunte Truppe aus Oldenburg, die sich rund um den Frauenstreik am 9. März 2026 zusammengefunden hat.

Ausgangspunkt war der Aufruf des Töchterkollektivs, sogenannte Aktions- oder Arbeitsgruppen zu bilden. Die Idee: Menschen vor Ort organisieren sich selbstständig, bringen ihre Perspektiven ein und gestalten den Protest eigenständig mit.

In unserer Gruppe sind Frauen und FLINTA*-Personen, die bereits Erfahrung mit Protesten und Demonstrationen haben. Gleichzeitig sind auch Hausfrauen dabei, Frauen, die vielleicht noch nie zuvor auf einer Demo waren, die aber spüren: So wie es gerade läuft, wollen wir das nicht mehr hinnehmen. Viele hatten einfach das Bedürfnis, sich zusammenzutun und aktiv zu werden. Es kam immer wieder jemand dazu – ganz organisch.

MoX: Gibt es Unterstützung von Gewerkschaften oder Betrieben?

Melanie Deinert: Das Töchterkollektiv versteht sich ausdrücklich als überparteilich. Uns ist wichtig, dass beim Frauenstreik keine einzelne Partei im Vordergrund steht oder sichtbar dominiert. Der 9. März soll ein Raum sein, in dem sich möglichst viele Menschen wiederfinden können. Unabhängig von Parteizugehörigkeit oder gewerkschaftlicher Bindung.

Gleichzeitig bedeutet Überparteilichkeit nicht, dass wir isoliert arbeiten. Im Gegenteil: Wir greifen selbstverständlich auf das Know-how von Gewerkschaften, Initiativen und erfahrenen Zusammenschlüssen zurück. Viele von uns organisieren zum ersten Mal eine Demonstration – da ist es nur sinnvoll, sich Unterstützung zu holen, etwa bei rechtlichen Fragen, bei der Anmeldung oder bei organisatorischen Abläufen.

MoX: Warum engagierst Du Dich persönlich beim Frauenstreik?

Melanie Deinert: Warum engagiere ich mich beim Frauenstreik? Ich bin 42, habe zwei Kinder und bin berufstätig. Nach außen wirkt das vielleicht normal. Aber die Realität ist: Ich arbeite bezahlt – und danach arbeite ich unbezahlt weiter. Ich kümmere mich hauptsächlich um die Kinder, um Haushalt und Einkäufe. Ich plane Geburtstage, denke an Termine, organisiere den Alltag. Diese unsichtbare Verantwortung läuft immer mit. Mental Load hört nicht auf. Und ich bin oft einfach nur kaputt. Das ist kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles. Und gleichzeitig erleben wir einen Rechtsruck. Frauen werden wieder stärker auf traditionelle Rollenbilder reduziert, Gleichstellung wird infrage gestellt. Das will ich nicht akzeptieren.

Ich möchte nicht, dass meine Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, in der Frauenrechte wieder verhandelbar sind. Deshalb gehe ich am 9. März auf die Straße. Nicht, weil ich Zeit habe, sondern weil ich merke, dass sich etwas ändern muss.

MoX: Was kann man tun, wenn man in Oldenburg teilnehmen will? 

Melanie Deinert: Meldet euch einfach bei uns! Wir haben einen Instagram-Account und einen WhatsApp-Kanal, über die ihr alle Infos bekommt. Außerdem laden wir noch einmal herzlich zu unserem offenen Treffen ein – alle Details dazu findet ihr dort.

Kommt gerne vorbei! Ihr braucht keinerlei Vorerfahrung. Wirklich nicht. Wir erwarten nichts von euch – kein Druck. Druck haben wir schließlich schon genug.

Also: Fühlt euch herzlich willkommen. Kommt einfach dazu!

MoX: Was möchtest Du Menschen sagen, die noch unsicher sind, ob sie sich beteiligen sollen?

Melanie Deinert: Frauenrechte gehen uns alle etwas an. Fast jede Frau hat schon einmal Ungleichbehandlung erlebt. Es kostet vielleicht Überwindung, einfach vorbeizukommen und sich auf etwas Neues einzulassen, aber es macht einen großen Unterschied, wenn viele Menschen gemeinsam sichtbar sind.

Deshalb: Informiert euch, sprecht darüber und unterstützt das Thema. Gemeinsam können wir mehr bewegen.

                                                                                              Die Fragen stellte Annika Müller

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. Februar 2026. (19.02.2026).

»Wolf« – Zwischen Mücken, Angst und Mut

Ein Gefühl, das die meisten Menschen mindestens einmal in ihrem Leben erlebt haben, ist jenes, nicht dazuzugehören, sich fremd zu fühlen oder irgendwie anders zu sein als die eigene Familie, Freund:innen oder Bekannte.

Anders zu sein fühlt sich oft nicht leicht an. Es bedeutet, sich fehl am Platz zu fühlen, das Gefühl zu haben, keinen Raum im eigenen Umfeld oder im Leben anderer einzunehmen, und nicht selten auch Einsamkeit zu erleben. Viele Menschen kennen Momente, in denen sie merken, dass sie aus der Reihe fallen, dass sie nicht so recht hineinpassen.

Gerade diese Erfahrungen sind es, die uns prägen, sei es früh in der Schulzeit oder später im Berufsleben. Eigene Interessen, das äußere Erscheinungsbild oder andere Eigenschaften, die uns von anderen unterscheiden, können zum Anlass für Ausgrenzung oder sogar Mobbing werden. Wer anders wirkt, wird von außen oft noch stärker als »anders« markiert. Der Protagonist Kemi aus dem Buch »Wolf« von Saša Stanišićfindet dafür eindrückliche Worte. Der deutsch-bosnische Bestsellerautor erzählt in seinem ersten Jugendroman »Wolf« eine Geschichte über Freundschaft und Angst, über Empathie und Mobbing und macht dabei zugleich Mut, zum eigenen Anderssein zu stehen. 

Das Stück »Wolf« am Jungen Staatstheater nimmt das Publikum mit in den Wald, in ein Ferienlager mit Bäumen, Mücken und Blockhütten. Dazwischen zwei Schulkameraden, beide Außenseiter auf ihre eigene Weise. Kemi ist unfreiwillig mitgekommen. Abenteuer in der Natur gehören so ziemlich zu den letzten Dingen, auf die er sich freuen kann: überall Grün, Zecken und vor allem andere Kinder. Doch seine Mutter hat ihn trotzdem für das »Abenteuer Wald, Abenteuer Mensch« angemeldet. Oma macht einen Malkurs in Malente, und sie selbst hat keinen Urlaub bekommen.

Jörg hingegen freut sich auf die Zeit an der frischen Luft. Doch ausgerechnet ihn trifft es besonders hart. Bereits in der Schule von einer Gruppe gemeiner Mitschüler schikaniert, verschärft sich seine Situation im Ferienlager weiter. Unter den wegsehenden Betreuern wird er unter Druck gesetzt, erniedrigt, ausgegrenzt und noch »andersiger« gemacht, als er schon ist. Kann Kemi den Mut aufbringen, Jörg beizustehen? Als die Lage schließlich zu eskalieren droht, taucht auch noch ein Wolf auf. Gespielt werden die Ferienbetreuer:innen, Schüler:innen und anderen Figuren der Jugenderzählung von den Schauspielenden Konstantin Gries, Niklas Marx und Tamara Theisen. Die Geschichte wird witzig und leicht erzählt, nimmt ihre Figuren und ihre Gefühle dennoch ernst und zeigt dabei, wie schmerzhaft, aber auch stärkend das Anderssein sein kann.

Inszeniert wird »Wolf« in der Exhalle von Regisseur Jakob Fedler. Er wurde 1978 in Köln geboren, studierte Theaterregie an der Hochschule für Musik und Theater in Zürich. Seit 2009 hat er über 40 Inszenierungen realisiert. Er ist Gründungsmitglied des interdisziplinären, inklusiven »POUR ENSEMBLE« in Wuppertal und hat seit 2013 einen Lehrauftrag für Theaterregie an der Folkwang Universität der Künste.

Erfahrungen des Andersseins hinterlassen Spuren. Sie können schmerzhaft sein, aber sie formen uns auch und tragen dazu bei, wer wir werden. Anderssein ist nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance: eine Möglichkeit, sich selbst besser kennenzulernen, Haltung zu entwickeln und den eigenen Weg zu finden. Und Saša Stanišićs Text zeigt auch: Vielleicht hat jeder von uns seinen eigenen Wolf. 

BESETZUNG

Regie: Jakob Fedler

Bühne und Kostüme: Oliver Kostecka

Dramaturgie: Annika Müller

Theatervermittlung: Hanna Puka

Mit: Konstantin Gries, Tamara Theisen, Niklas Marx (Gast)

Premiere: Fr. 20.2. 18:00 Uhr

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. Februar 2025/26. (07.02.2026). 

Vom Verschämtsein

Wann hast du dich das letzte Mal geschämt? Als du dich beim lauten Kauen erwischt hast, als dir dein Einkauf an der Kasse heruntergefallen ist oder als dein Smartphone in einem völlig unpassenden Moment geklingelt hat? Ich schäme mich meistens, wenn mir etwas Unerwartetes passiert, etwas, das mich verletzlich zeigt: Es kann eine falsche oder hektische Bewegung sein, die verrät, dass ich unkonzentriert oder gestresst bin. Oder es ist ein Moment, der zeigt, dass ich nicht alles unter Kontrolle habe. 

Ist es dir schon passiert, dass du dich im Theater geschämt hast? War es wegen etwas, das du getan hast, zum Beispiel, weil du im stillen Saal einen Hustenanfall bekommen hast? Oder war es wegen etwas, das du gesehen hast? Die Fremdscham setzt sich neben dich, ungefragt, wenn jemand zu laut ist, zu ehrlich, zu bemüht, wenn ein Witz ins Leere fällt. Fremdscham ist dieses innere Zusammenzucken, obwohl man selbst gar nichts getan hat. Oder vielleicht doch: Weil man zugesehen hat. Sie entsteht im Dazwischen, zwischen Ich und Du, zwischen Bühne und Zuschauerraum, zwischen dem, was gezeigt wird, und dem, was man davon hält. 

Vor einigen Jahren hat mich einmal ein Schauspieler gefragt: »Schämst du dich, wenn du das Stück siehst, in dem ich mitspiele?« Eine irritierende Frage, wie ich damals fand. Fremdscham verrät doch mehr über die Betrachtenden als über die Betrachteten. Über Regeln, die nie ausgesprochen wurden. Über Erwartungen, die ins Wanken geraten, weil man meint, dass diese nicht erfüllt werden. 

Diese Scham hängt vielleicht mit der Frage zusammen: Wie denkst du, sollte Theater sein? Erwartest du gediegene Bühnenbilder und ausladende Ballkleider? Was denkst du, darf auf einer Bühne passieren und was nicht? Darf geflucht werden, darf es peinlich sein, dürfen Grenzen erprobt und überschritten werden? Manchmal wirken Erwartungen wie Stolperdrähte, die über die Bühne gespannt sind. Als müsste man versuchen nicht über sie zu stolpern, um nicht den Fremdscham-Alarm zu betätigen, der die Hände auf den Plan ruft, um die Augen zu bedecken. Ich horche zukünftig tiefer in mich hinein, wenn die Fremdscham vorbeikommt, weil ich weiß, dass sie ein Zeichen dafür ist, dass das, was ich sehe, mich herausfordert. Vielleicht will ich mich viel mehr schämen und dann fragen, warum. Denn wie schon Euripides in Iphigenie in Aulis schrieb: »Auch verschämt sein hat sein gehörig Maß und seine Stunde.«

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. Februar 2025/26. (07.02.2026).

Ein Wandbild, eine Debatte, eine Umbenennung, eine Ausstellung

Oldenburg – An wen erinnern wir uns, und warum? Wen ehren wir, wenn wir Orte benennen? Mit diesen Fragen hat sich das Team des Hauses für Medienkunst Oldenburg in den vergangenen Monaten intensiv auseinandergesetzt. Am 28. Januar eröffnete das Haus – fast zwei Jahre nach der Debatte um ein Wandbild unter einer Autobahnbrücke in Wechloy – die Ausstellung „Die Stifterin, der Nationalsozialismus und das Haus“. Sie widmet sich der Stifterin und ehemaligen Namensgeberin Edith Ruß und ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit.

Die Diskussion um die Umbenennung des Edith-Russ-Hauses für Medienkunst in Haus für Medienkunst Oldenburg wurde in den Jahren 2024 und 2025 kontrovers und emotional geführt. Mit der Ausstellung möchten das Leitungs- und Kurationsteam Edit Molnár und Marcel Schwierin ein experimentelles, diskursives Format schaffen, das die Geschichte Edith Ruß’, aber auch die grundsätzlichen Fragen von Erinnerung, Vermächtnis und Verantwortung verhandelt.

Eröffnet wurde die Ausstellung mit einer Rede des Kulturdezernenten Holger Denckmann. In seiner Ansprache sowie in den folgenden Worten von Schwierin und Molnár fällt ein Begriff immer wieder mit Nachdruck: „Fehler“. Gemeint sind zum einen Edith Ruß’ lebenslanges Leugnen ihrer NSDAP-Mitgliedschaft, zum anderen das jahrzehntelange Versäumnis, ihre Biografie kritisch zu überprüfen. Zugleich geht es um eine grundlegende Frage nach der Rolle der Kunst: Räume zu öffnen, Widersprüche sichtbar zu machen, nachzuwirken. Und um eine klare, auf die Gegenwart bezogene Aussage: Kunst ist das erste Opfer totalitärer Systeme.

Molnár betont im Anschluss, es gehe nicht nur um eine einzelne Person, sondern um die Geschichte der Stadt selbst, um kollektives Gedächtnis. Entsprechend steht der Diskurs im Zentrum der Ausstellung. Das historisch-künstlerische Projekt gliedert sich in drei Teile.

Der erste Teil besteht aus einer historischen Ausstellung mit Dokumenten und Schriften Edith Ruß’ aus der Zeit des Nationalsozialismus. In der unteren Etage folgt der zweite Teil: eine zeitgenössische Kunstausstellung, konzipiert von den Künstler:innen Dani Gal, Rajkamal Kahlon, Susanne Kriemann, Fynn Ribbeck, Roee Rosen, Anja Salomonowitz und Clemens von Wedemeyer. In unterschiedlichen medialen Ausdrucksformen setzen sie sich mit Aspekten des Nationalsozialismus auseinander. Wandarbeiten, Videoinstallationen und Zeichnungen thematisieren die NS-Zeit ebenso wie ihre Gewalttaten. 

Besonders eindrucksvoll wirkt der entfernte Neon-Schriftzug „Edith Russ“, der einst auf dem Dach des Hauses montiert war und nun, durch eine Scheibe sichtbar, im Hinterhof lehnt – ein stilles Zeichen für das Ende einer Ära.

Der dritte Teil des Projekts ist ein Forum im Zentrum der historischen Ausstellung. Hier finden Vorträge und Präsentationen im Rahmen eines umfangreichen Veranstaltungsprogramms statt. Ergänzt wird es durch eine Agora im unteren Ausstellungsbereich, die Raum für Workshops bietet. An mehreren Tagen pro Woche stehen zudem Mitarbeiter:innen des Vermittlungsteams im sogenannten „Kuratorischen Büro“ als Ansprechpersonen bereit. Ziel ist der Austausch: miteinander ins Gespräch zu kommen und einander zuzuhören.

Die Ausstellung ist bis zum 1. März geöffnet. Alle Veranstaltungen im Rahmen von „Die Stifterin, der Nationalsozialismus und das Haus“ sind kostenfrei und finden in deutscher Sprache statt.

                                                                                                                    

Was?

Im Jahr 2000 wurde das „Edith-Russ-Haus für Medienkunst“ eröffnet. 24 Jahre später erschien in der taz ein Artikel, der die nationalsozialistische Vergangenheit der Stifterin Edith Ruß öffentlich machte. Anlass war ein Wandbild berühmter Oldenburger Frauen, auf dem auch Ruß dargestellt war. Nach einem Jahr intensiver Debatten und Podiumsdiskussionen beschloss der Rat der Stadt Oldenburg 2025 die Umbenennung in „Haus für Medienkunst Oldenburg“. Das Porträt Edith Ruß’ wurde inzwischen übermalt; das Haus hat sich entschieden, seine eigene Geschichte aktiv aufzuarbeiten.

Wer?

Edith Ruß arbeitete während der Zeit des Nationalsozialismus als Schriftleiterin bei der Oldenburgischen Staatszeitung und betreute dort das Feuilleton. Ab 1934 unterlagen alle Zeitungen der nationalsozialistischen Ideologie und waren dem Propagandaministerium unterstellt. Um den Beruf der Schriftleiterin ausüben zu dürfen, war die Aufnahme in eine Berufsliste erforderlich. Voraussetzung dafür waren „arische Abstammung“ und der Nachweis „politischer Zuverlässigkeit“. Eine Mitgliedschaft in der NSDAP war formal keine Pflicht. Edith Ruß war jedoch Parteimitglied, was auch in ihrem Schriftleiterausweis vermerkt ist. Im späteren Entnazifizierungsverfahren leugnete sie diese Mitgliedschaft.

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. Februar 2026. (05.02.2026).

„Mein Freund Rilke“. Comic-Vorstellung mit Zeichnerin Melanie Garanin

Landesbibliothek Oldenburg: Am 22. Januar um 19 Uhr stellt die Autorin und Zeichnerin Melanie Garanin ihren Comic „Mein Freund Rilke“ (2025) dem Oldenburger Publikum vor. Begleitet wird der Abend von der Oldenburger Literaturwissenschaftlerin Dr. Silke Pasewalck vom Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE). Gemeinsam sprechen Garanin und Pasewalck über die künstlerische Annäherung an Leben und Werk des Lyrikers Rainer Maria Rilke.

Melanie Garanin (geb. 1972) studierte Zeichentrickfilm in Potsdam-Babelsberg und hat zahlreiche Bücher illustriert. Zu ihren Arbeiten zählen Kinder- und Jugendbücher ebenso wie Publikationen zu Heinz Erhardt und Frank Schmeißer. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Mit Rainer Maria Rilke beschäftigt sie sich bereits seit längerer Zeit: Seit einigen Jahren gestaltet sie einen illustrierten Rilke-Wandkalender mit ausgewählten Gedichten. Ihr Buch „Mein Freund Rilke“ erzählt von einer Begegnung mit dem Dichter, sowohl über seine Lyrik als auch in einem imaginierten Zusammentreffen im wirklichen Leben. Mit ihrem Comic lädt Garanin die Leserinnen und Leser zu einer persönlichen Entdeckungsreise ein: für alle, die Rilke lieben, und für jene, die ihn neu kennenlernen möchten.

Die Buchvorstellung findet im Rahmen der Rilke-Ausstellung „Unter so viel Lidern. Fotografien von Jan Jindra“ statt, zu der das BKGE und die Landesbibliothek Oldenburg gemeinsam einladen. Anlass der Ausstellung ist der 150. Geburtstag Rainer Maria Rilkes am 4. Dezember 2025. In einer fotografischen Spurensuche hat der tschechische Künstler Jan Jindra zentrale Stationen aus Rilkes Leben besucht, darunter Prag, St. Pölten, Worpswede, Arles, Berg am Irchel, Duino, Paris, Saintes-Maries-de-la-Mer, Venedig sowie verschiedene Orte in der Schweiz. Die Ausstellung versammelt Fotografien eines ruhelosen Dichterlebens, das von ständiger Bewegung durch Europa geprägt war.

Die Ausstellung ist eine Kooperation der Landesbibliothek Oldenburg mit dem BKGE, dem Adalbert-Stifter-Verein und der Tomas Bata University in Zlín. Jan Jindra (geb. 1962) studierte Fotografie an der Prager Filmhochschule FAMU und arbeitet bevorzugt in thematisch geschlossenen Fotozyklen. Dabei widmet er sich immer wieder literarischen Spurensuchen, etwa zu Franz Kafka. Sein Buch „S Kafkou na cestách“ (Mit Kafka unterwegs) erschien 2024. Für seine Arbeiten wurde Jindra mit zahlreichen international renommierten Preisen ausgezeichnet.

Die Ausstellung ist noch bis zum 7. Februar in der Landesbibliothek zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. Januar 2026. (22.01.2026).

GEHÖRGÄNGE 2026 – Jazz, Improvisation und Neue Musik in Oldenburg

Das Jahr 2026 hat gerade erst begonnen und schon jetzt darf sich Oldenburg auf hochkarätige musikalische Ankündigungen aus der Jazzszene freuen: Die Jazzmusiker Initiative Oldenburg setzt ihre Konzertreihe GEHÖRGÄNGE fort und lädt erneut zu zeitgenössischen Klangerkundungen ins Wilhelm13 ein. Dort präsentieren Musiker:innen ein vielfältiges Programm aus Jazz, Improvisierter Musik und Neuer Musik. Die Reihe besteht bereits seit 2012 und hat sich seither als fester Bestandteil des Oldenburger Musiklebens etabliert. Dabei sind die Konzerte bei der LANGEN NACHT DER MUSIK in Oldenburg und Bremen mit Beiträgen seit mehreren Jahren präsent. Wie bereits in den Vorjahren legt Hannes Clauss, Kurator der Reihe, in Zusammenarbeit mit dem HCL-Ensemble, großen Wert auf eine ausgewogene Beteiligung von Künstlerinnen und Künstlern. Clauss betont: „Das Besondere an dieser Reihe ist, dass wir dem Oldenburger Publikum die Möglichkeit bieten, Musik in den unterschiedlichsten Zusammenhängen zu hören.“

Genreübergreifend werden dabei auch Tänzer:innen, Schauspieler:innen und bildende Künstler:innen mit der Musik in Berührung gebracht. Im Mittelpunkt steht die Kunst der Improvisation: Nichts ist vorher abgesprochen, was ein hohes Maß an Können und Flexibilität von den Musikern und Musikerinnen erfordert. Clauss ergänzt: „Es gibt bei uns keine Tabus – vom Geräusch bis zur Melodie ist alles möglich, und das macht die Konzerte oft besonders spannend.“

Das erste Konzert der GEHÖRGÄNGE 2026 findet am 23. Januar statt. Den Auftakt des Programms 2026 gestaltet der Berliner Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur Titus Selge mit einer besonderen Performance zum 100. Todestag Rainer Maria Rilkes. Im Zentrum stehen Rilkes Sonette an Orpheus, die vom HCL-Ensemble musikalisch begleitet und kommentiert werden. Wort und Musik treten dabei in einen dialogischen Austausch und eröffnen einen modernen Zugang zu Rilkes Werk.

Titus Selge, Neffe des Schauspielers Martin Selge, ist vor allem als Regisseur und Drehbuchautor für das Fernsehen tätig. Zu seinen Arbeiten zählen unter anderem Episoden der Reihen Polizeiruf 110 und Tatort. 

Am 17. April ist der Saxofonist, Bandleader und Komponist Jan Klare bei den GEHÖRGÄNGEN zu Gast. Klare versteht seine künstlerische Praxis als „soziologische Feldforschung über Hörgewohnheiten, Hörerwartungen und deren Manipulation“. Das Konzert ist zweiteilig angelegt: In der ersten Hälfte präsentiert sich Jan Klare solo, bevor er in der zweiten Hälfte den freien improvisatorischen Dialog mit dem HCL-Ensemble sucht.

Am 4. September wird das Programm durch ein Konzert von Paul Hübner mit der Trompete fortgesetzt, der als Interpret, Komponist, Performer und Improvisationsmusiker tätig ist. Ein zentraler Fokus seiner Arbeit ist die intensive Zusammenarbeit mit Komponist:innen und Bühnenkünstler:innen zur Realisation neuer Werke für die Erforschung neuer Klänge – akustischer, inhaltlicher und sozialer Art – in eigenen Kompositionen und Improvisationen. 

Dem HCL-Ensemble ist der kontinuierliche Austausch mit Künstlerinnen und Künstlern aus der Neuen Musik ein besonderes Anliegen, da in dieser Zusammenarbeit sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten verschiedener musikalischer Konzepte sichtbar und hörbar werden. Im Zusammenspiel mit dem HCL-Ensemble sowie in einem Solobeitrag eröffnet sich dem Publikum die Möglichkeit, die Schnittstellen und Kontraste zwischen Improvisierter Musik und Neuer Musik unmittelbar zu erleben.

Den Abschluss der GEHÖRGÄNGE bildet am 20. November ein Abend mit der Oldenburger Künstlerin Patricia Borges De Medeiros. In einem Live-Setting projiziert sie mithilfe eines Overheadprojektors verschiedene Materialien, Farben und Zeichnungen und tritt dabei in einen unmittelbaren Dialog mit der Musik des HCL-Ensembles. Visuelle Elemente der Bildenden Kunst und das Akustische der Musik verschränken sich zu einem eigenständigen Hör- und Seherlebnis. 

Mit ihrem vielfältigen Programm setzen die GEHÖRGÄNGE 2026 die langjährige Tradition der Reihe fort und bieten dem Oldenburger Publikum erneut spannende Perspektiven auf zeitgenössische Musik an der Schnittstelle von Jazz, Improvisation und Neuer Musik. Gleichzeitig lädt die Reihe dazu ein, etwas zunehmend Wichtiges zu üben: Unvoreingenommenheit beim Hören.

Tickets für die Reihe kann man auf der Website vom Wilhelm13 oder an der Abendkasse erwerben. 

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. Januar 2026. (08.01.2026).

Der ewige Neustart

Es gibt Orte, an denen der Jahresanfang groß beginnt. Im Fitnessstudio hört man die Vorsätze, die Entschlossenheit und den geschäftigen Aufbruch. Im Theater aber beginnt das neue Jahr eher leise. Schließlich lebt das Theater in Spielzeiten, nicht in Jahresanfängen. Der Januar kommt nach einem Silvesterfinale wie jeder andere Monat auch. 

Vielleicht ist das Theater sogar besser geübt im Neuanfang als manch andere Orte, denn jede Vorstellung ist ein Neubeginn. Selbst wenn eine Inszenierung bereits vielfach gespielt wurde, ist jeder Abend einzigartig. Neues Publikum, neue Fehler, neuer Schwung. Jede Szene wird noch einmal gespielt, und manchmal gelingt eine Passage gerade deshalb, weil man die richtige Energie zu Beginn der Vorstellung hat.

Während die letzten Vorstellungen des Weihnachtsmärchens »Die Schöne und das Biest« und »Der Schimmelreiter« stattfinden, erwarten uns im Januar auf den Bühnen bereits Premieren und hinter den Kulissen neue Probenstarts. Von der BallettCompagnie des Oldenburgischen Staatstheaters erwarten uns drei choreografische Uraufführungen unter dem Titel »Demo-Mode« ab dem 9. Januar im Kleinen Haus. In den Choreografien beschäftigen sich die Choreograf:innen mit verschiedenen Facetten der Demokratie. 

Die Möglichkeit, ungehindert zu sprechen, zu wählen und an öffentlichen Debatten teilzunehmen, bleibt ein hohes Gut. Doch diese Freiheit ist fragil. In seiner Choreografie erinnert der französische Gastchoreograf Guillaume Hulot daran, dass Grundrechte wie Meinungsfreiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit nur bestehen, wenn wir sie aktiv nutzen und für sie einstehen.

Zum ersten Mal boten die 16. Internationalen Tanztage 2025 eine Plattform für »Junge Choreograf:innen«. Das Publikum kürte Nicol Omezzolli zur Gewinnerin. Ihr Stück »Vincula Invisibilia Fracta« untersucht, wie wir uns aus subtilen Formen der Manipulation befreien können.

Die australische Choreografin Alice Topp richtet den Blick auf die Rolle von Algorithmen in modernen Demokratien. Soziale Medien mit ihrer enormen Reichweite, personalisierter Werbung und datengetriebenen Empfehlungen können politische Stimmungen lenken. Ihre Arbeit stellt die Frage: Welche Zukunft hat unsere politische Meinungsbildung, wenn Algorithmen Kontrolle über Trends und politische Orientierung haben?

All diese choreografischen Arbeiten zeigen auf unterschiedliche Weise, wie sehr unsere Freiheit, unsere Entscheidungen und sogar unsere Wahrnehmungen im Wandel sind. Demokratie ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Ein Zusammenspiel aus Mut, Bewusstsein und der Bereitschaft, immer wieder hinzuschauen. 

Genau darin liegt die Parallele zum Theater: Auch hier entsteht jede Erkenntnis erst im Moment des Tuns, im erneuten Beginnen, im Fortschreiben einer Szene, die nie vollständig abgeschlossen ist. Jede neue Bewegung, jeder neue Gedanke kann eine Richtung ändern, etwas öffnen. Das verdeutlicht vor allem eines: Ein Neustart muss nicht perfekt sein, er muss nur stattfinden. 

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. Januar 2025/26. (05.01.2026).