Oldenburg – An wen erinnern wir uns, und warum? Wen ehren wir, wenn wir Orte benennen? Mit diesen Fragen hat sich das Team des Hauses für Medienkunst Oldenburg in den vergangenen Monaten intensiv auseinandergesetzt. Am 28. Januar eröffnete das Haus – fast zwei Jahre nach der Debatte um ein Wandbild unter einer Autobahnbrücke in Wechloy – die Ausstellung „Die Stifterin, der Nationalsozialismus und das Haus“. Sie widmet sich der Stifterin und ehemaligen Namensgeberin Edith Ruß und ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit.
Die Diskussion um die Umbenennung des Edith-Russ-Hauses für Medienkunst in Haus für Medienkunst Oldenburg wurde in den Jahren 2024 und 2025 kontrovers und emotional geführt. Mit der Ausstellung möchten das Leitungs- und Kurationsteam Edit Molnár und Marcel Schwierin ein experimentelles, diskursives Format schaffen, das die Geschichte Edith Ruß’, aber auch die grundsätzlichen Fragen von Erinnerung, Vermächtnis und Verantwortung verhandelt.
Eröffnet wurde die Ausstellung mit einer Rede des Kulturdezernenten Holger Denckmann. In seiner Ansprache sowie in den folgenden Worten von Schwierin und Molnár fällt ein Begriff immer wieder mit Nachdruck: „Fehler“. Gemeint sind zum einen Edith Ruß’ lebenslanges Leugnen ihrer NSDAP-Mitgliedschaft, zum anderen das jahrzehntelange Versäumnis, ihre Biografie kritisch zu überprüfen. Zugleich geht es um eine grundlegende Frage nach der Rolle der Kunst: Räume zu öffnen, Widersprüche sichtbar zu machen, nachzuwirken. Und um eine klare, auf die Gegenwart bezogene Aussage: Kunst ist das erste Opfer totalitärer Systeme.
Molnár betont im Anschluss, es gehe nicht nur um eine einzelne Person, sondern um die Geschichte der Stadt selbst, um kollektives Gedächtnis. Entsprechend steht der Diskurs im Zentrum der Ausstellung. Das historisch-künstlerische Projekt gliedert sich in drei Teile.
Der erste Teil besteht aus einer historischen Ausstellung mit Dokumenten und Schriften Edith Ruß’ aus der Zeit des Nationalsozialismus.
In der unteren Etage folgt der zweite Teil: eine zeitgenössische Kunstausstellung, konzipiert von den Künstler:innen Dani Gal, Rajkamal Kahlon, Susanne Kriemann, Fynn Ribbeck, Roee Rosen, Anja Salomonowitz und Clemens von Wedemeyer. In unterschiedlichen medialen Ausdrucksformen setzen sie sich mit Aspekten des Nationalsozialismus auseinander. Wandarbeiten, Videoinstallationen und Zeichnungen thematisieren die NS-Zeit ebenso wie ihre Gewalttaten.
Besonders eindrucksvoll wirkt der entfernte Neon-Schriftzug „Edith Russ“, der einst auf dem Dach des Hauses montiert war und nun, durch eine Scheibe sichtbar, im Hinterhof lehnt – ein stilles Zeichen für das Ende einer Ära.
Der dritte Teil des Projekts ist ein Forum im Zentrum der historischen Ausstellung. Hier finden Vorträge und Präsentationen im Rahmen eines umfangreichen Veranstaltungsprogramms statt. Ergänzt wird es durch eine Agora im unteren Ausstellungsbereich, die Raum für Workshops bietet. An mehreren Tagen pro Woche stehen zudem Mitarbeiter:innen des Vermittlungsteams im sogenannten „Kuratorischen Büro“ als Ansprechpersonen bereit. Ziel ist der Austausch: miteinander ins Gespräch zu kommen und einander zuzuhören.
Die Ausstellung ist bis zum 1. März geöffnet. Alle Veranstaltungen im Rahmen von „Die Stifterin, der Nationalsozialismus und das Haus“ sind kostenfrei und finden in deutscher Sprache statt.
Annika Müller
Was?
Im Jahr 2000 wurde das „Edith-Russ-Haus für Medienkunst“ eröffnet. 24 Jahre später erschien in der taz ein Artikel, der die nationalsozialistische Vergangenheit der Stifterin Edith Ruß öffentlich machte. Anlass war ein Wandbild berühmter Oldenburger Frauen, auf dem auch Ruß dargestellt war. Nach einem Jahr intensiver Debatten und Podiumsdiskussionen beschloss der Rat der Stadt Oldenburg 2025 die Umbenennung in „Haus für Medienkunst Oldenburg“. Das Porträt Edith Ruß’ wurde inzwischen übermalt; das Haus hat sich entschieden, seine eigene Geschichte aktiv aufzuarbeiten.
Wer?
Edith Ruß arbeitete während der Zeit des Nationalsozialismus als Schriftleiterin bei der Oldenburgischen Staatszeitung und betreute dort das Feuilleton. Ab 1934 unterlagen alle Zeitungen der nationalsozialistischen Ideologie und waren dem Propagandaministerium unterstellt. Um den Beruf der Schriftleiterin ausüben zu dürfen, war die Aufnahme in eine Berufsliste erforderlich. Voraussetzung dafür waren „arische Abstammung“ und der Nachweis „politischer Zuverlässigkeit“. Eine Mitgliedschaft in der NSDAP war formal keine Pflicht. Edith Ruß war jedoch Parteimitglied, was auch in ihrem Schriftleiterausweis vermerkt ist. Im späteren Entnazifizierungsverfahren leugnete sie diese Mitgliedschaft.
Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. Februar 2026. (05.02.2026).



