Ein Gefühl, das die meisten Menschen mindestens einmal in ihrem Leben erlebt haben, ist jenes, nicht dazuzugehören, sich fremd zu fühlen oder irgendwie anders zu sein als die eigene Familie, Freund:innen oder Bekannte.
Anders zu sein fühlt sich oft nicht leicht an. Es bedeutet, sich fehl am Platz zu fühlen, das Gefühl zu haben, keinen Raum im eigenen Umfeld oder im Leben anderer einzunehmen, und nicht selten auch Einsamkeit zu erleben. Viele Menschen kennen Momente, in denen sie merken, dass sie aus der Reihe fallen, dass sie nicht so recht hineinpassen.
Gerade diese Erfahrungen sind es, die uns prägen, sei es früh in der Schulzeit oder später im Berufsleben. Eigene Interessen, das äußere Erscheinungsbild oder andere Eigenschaften, die uns von anderen unterscheiden, können zum Anlass für Ausgrenzung oder sogar Mobbing werden. Wer anders wirkt, wird von außen oft noch stärker als »anders« markiert. Der Protagonist Kemi aus dem Buch »Wolf« von Saša Stanišićfindet dafür eindrückliche Worte. Der deutsch-bosnische Bestsellerautor erzählt in seinem ersten Jugendroman »Wolf« eine Geschichte über Freundschaft und Angst, über Empathie und Mobbing und macht dabei zugleich Mut, zum eigenen Anderssein zu stehen.
Das Stück »Wolf« am Jungen Staatstheater nimmt das Publikum mit in den Wald, in ein Ferienlager mit Bäumen, Mücken und Blockhütten. Dazwischen zwei Schulkameraden, beide Außenseiter auf ihre eigene Weise. Kemi ist unfreiwillig mitgekommen. Abenteuer in der Natur gehören so ziemlich zu den letzten Dingen, auf die er sich freuen kann: überall Grün, Zecken und vor allem andere Kinder. Doch seine Mutter hat ihn trotzdem für das »Abenteuer Wald, Abenteuer Mensch« angemeldet. Oma macht einen Malkurs in Malente, und sie selbst hat keinen Urlaub bekommen.
Jörg hingegen freut sich auf die Zeit an der frischen Luft. Doch ausgerechnet ihn trifft es besonders hart. Bereits in der Schule von einer Gruppe gemeiner Mitschüler schikaniert, verschärft sich seine Situation im Ferienlager weiter. Unter den wegsehenden Betreuern wird er unter Druck gesetzt, erniedrigt, ausgegrenzt und noch »andersiger« gemacht, als er schon ist. Kann Kemi den Mut aufbringen, Jörg beizustehen? Als die Lage schließlich zu eskalieren droht, taucht auch noch ein Wolf auf. Gespielt werden die Ferienbetreuer:innen, Schüler:innen und anderen Figuren der Jugenderzählung von den Schauspielenden Konstantin Gries, Niklas Marx und Tamara Theisen. Die Geschichte wird witzig und leicht erzählt, nimmt ihre Figuren und ihre Gefühle dennoch ernst und zeigt dabei, wie schmerzhaft, aber auch stärkend das Anderssein sein kann.
Inszeniert wird »Wolf« in der Exhalle von Regisseur Jakob Fedler. Er wurde 1978 in Köln geboren, studierte Theaterregie an der Hochschule für Musik und Theater in Zürich. Seit 2009 hat er über 40 Inszenierungen realisiert. Er ist Gründungsmitglied des interdisziplinären, inklusiven »POUR ENSEMBLE« in Wuppertal und hat seit 2013 einen Lehrauftrag für Theaterregie an der Folkwang Universität der Künste.
Erfahrungen des Andersseins hinterlassen Spuren. Sie können schmerzhaft sein, aber sie formen uns auch und tragen dazu bei, wer wir werden. Anderssein ist nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance: eine Möglichkeit, sich selbst besser kennenzulernen, Haltung zu entwickeln und den eigenen Weg zu finden. Und Saša Stanišićs Text zeigt auch: Vielleicht hat jeder von uns seinen eigenen Wolf.
BESETZUNG
Regie: Jakob Fedler
Bühne und Kostüme: Oliver Kostecka
Dramaturgie: Annika Müller
Theatervermittlung: Hanna Puka
Mit: Konstantin Gries, Tamara Theisen, Niklas Marx (Gast)
Premiere: Fr. 20.2. 18:00 Uhr
Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. Februar 2025/26. (07.02.2026).



