»Und vielleicht sind die Sonne und der Mond gar nicht so weit voneinander entfernt«

Ein Interview mit Malak Kadour 

Malak Kadour ist acht, als ihre Eltern gezwungen sind, mit ihrer Familie aus ihrem Heimatland Syrien zu fliehen – vor dem Krieg und den Bombenangriffen, die begannen, als sie vier war, und vor den Repressionen, die der Familie durch das Assad-Regime drohen. Sie erlebt die Flucht über das Mittelmeer und die Balkanroute mit all der erschreckenden Härte und den kleinen schönen Momenten, die sie als Kind darin findet. Mit 14 Jahren beginnt die junge Oldenburgerin, ausgehend von einer Hausaufgabe, ihre Geschichte festzuhalten und sich als Jugendliche schreibend an ihre Erlebnisse zu erinnern. Daraus entsteht ihr Buch »Zwischen Hin und Her. Meine Flucht aus Syrien«, das am 4. April im Oldenburgischen Staatstheater Premiere feiert.

Malak Kadour ist heute 18 Jahre alt und selbst Teil der Entstehung dieses Projekts. Gemeinsam mit zwei Schauspielerinnen erzählt sie ihre Geschichte auf der Bühne erneut: Sie erinnern sich zusammen, blicken zurück und nach vorn und eröffnen – abseits der aktuellen, oft menschenverachtenden politischen Debatten um Migration – einen empathischen Blick darauf, wie ein Kind die Flucht um Leben und Freiheit erlebt.

Malak, die Fluchtgeschichte von deiner Familie und dir wird nun auf die Bühne gebracht. Du hast diese im Alter von 14 Jahren aufgeschrieben. Heute, mit 18 Jahren, stehst du auf der Bühne, um die Geschichte noch einmal zu erzählen. Was bedeutet das für dich?

Das bedeutet mir eine ganze Menge. Als ich 14 Jahre alt war, war ich vor allem damit beschäftigt, meine Erinnerungen zu ordnen. In meinem Kopf tauchten immer wieder einzelne Bilder und Szenen auf. Ich habe versucht, diese Puzzleteile zusammenzufügen, damit daraus ein großes Bild entsteht. Mein Fokus lag damals darauf, die Ereignisse logisch zu sortieren und auch Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden. 

Durch die vielen Lesungen, die ich später gemacht habe, kam dann eine neue, sehr emotionale Ebene dazu. In Gesprächen mit dem Publikum habe ich mich stärker mit dem Erlebten auseinandergesetzt. Aus diesen Erfahrungen – aus dem Schreiben und aus den Begegnungen – kann ich jetzt mit 18 Jahren das Theaterstück gestalten. Ich habe heute einen rationaleren Blick darauf.

Außerdem habe ich das Gefühl, dass ich mich inzwischen besser ausdrücken kann. Mit 14 konnte ich die deutsche Sprache noch nicht so gut. Beim Wiederlesen meines Textes habe ich oft gedacht, dass ich vieles gern anders formuliert hätte. Das Theaterstück gibt mir jetzt die Möglichkeit, manches noch einmal neu zu erzählen. Vielleicht so, wie ich das Buch heute schreiben würde.

Gleichzeitig weiß ich: Wahrscheinlich werde ich in ein paar Jahren wieder zurückblicken und denken, dass ich etwas anders hätte sagen wollen. Aber genau dieser Prozess gehört wohl dazu. Sehr wichtig ist für mich auch das Team, mit dem ich arbeite: die Schauspielerinnen Paulina Hobratschk und Veronique Coubard, die Regisseurin Pia Epping, die Ausstatterin Johanna Bode, die Leiterin der Sparte 7 Gesine Geppert und auch du, Annika. Durch das gemeinsame Erzählen, Wiederholen und Bearbeiten der Geschichte hatte ich das Gefühl, dass das auch etwas Therapeutisches hat. 

Dein Buch »Zwischen Hin und Her. Meine Flucht aus Syrien« entstand aus einer Hausaufgabe. Wann hast du gemerkt, dass daraus mehr werden könnte?

Als ich die Hausaufgabe geschrieben hatte, kam meine Klassenlehrerin auf die Idee: »Warum schreibst du nicht ein Buch darüber?« In dem Moment konnte ich mir zwar vorstellen, dass daraus mehr werden könnte, aber wirklich daran geglaubt habe ich nicht. Ich wollte es trotzdem versuchen. Ich habe geschrieben, um mich an meine Familie zu erinnern, um sie nicht zu vergessen, um das, was ich erlebt habe, festzuhalten, weil ich gemerkt habe, dass man beim Erwachsenwerden jede Menge Erinnerungen verliert.

So richtig verstanden, dass es mehr werden könnte, habe ich erst bei meinen Lesungen. Als ich gemerkt habe, dass Menschen bereit waren mir zuzuhören und dass sie extra zu meinen Lesungen gekommen sind, weil sie wirklich interessiert waren. Als mir so viel Zuspruch gegeben wurde, hatte ich dann das Gefühl, das könnte wirklich größer werden.

Wie hast du als Kind den Krieg wahrgenommen? Was hast du verstanden, was vielleicht noch nicht?

Ich hatte schon früh ein Bauchgefühl, dass um mich herum etwas passiert. Man hat es auch in den Blicken der Menschen gesehen. Da waren diese durcheinandergewürfelten, chaotischen Gefühle, die mich sehr aufgewühlt haben. Lange habe ich aber nicht wirklich verstanden, worum es geht. Dass das alles „Krieg“ heißt und dass man dieses Chaos, dieses gegenseitige Töten, überhaupt so nennt.

Ich habe vieles nur gespürt, ohne es wirklich begreifen zu können. Zum Beispiel habe ich nicht verstanden, dass Menschen – Verwandte, Freunde oder Bekannte – wirklich für immer weg sind, wenn sie sterben. Dass jemand gestern noch mit dir gesprochen hat und dann einfach von dieser Welt verschwinden kann und nie wieder zurückkommt. Das war für mich als Kind sehr verwirrend. Ich habe oft geweint und war wütend, eigentlich auf alles. In solchen Momenten hat mir meine Oma sehr geholfen. Was sie mir damals erzählt und versprochen hat, erfährt man im Theaterstück »Zwischen Hin und Her«.

Gab es auf der Flucht Momente, die dir besonders Kraft gegeben haben?

Ja, auf jeden Fall. Wenn man das Cover meines Buches anschaut, sieht man dort den Mond. Lustigerweise mag ich eigentlich die Sonne viel lieber und fühle mich ihr näher. Aber auf der Flucht war der Mond sehr wichtig für mich.

Wir haben uns meistens nachts fortbewegt, weil es dann etwas sicherer war als am Tag. Der Mond war dabei immer da. Er war einfach still am Himmel, ohne sich aufzudrängen. Wenn ich nach oben geschaut habe, hatte ich das Gefühl, dass er mit uns mitgeht. Das hat mir Trost gegeben, weil ich mich dadurch weniger allein gefühlt habe. Solange der Mond da war und meine Familie bei mir war, hatte ich das Gefühl, dass sich vielleicht doch nicht alles verändert hat.

Kraft haben mir auch die anderen Kinder gegeben, die ich auf der Flucht getroffen habe. Dabei haben wir oft gar nicht dieselbe Sprache gesprochen. Trotzdem konnten wir miteinander spielen und uns verstehen. Das hat mir gezeigt, dass Menschen sich auch ohne gemeinsame Sprache begegnen können. Egal wo ich bin, solange ich mich selbst nicht verliere und die Menschen bei mir habe, die mir wichtig sind, kann ich immer wieder neu anfangen.

Diese Erfahrung habe ich später auch im Flüchtlingslager gemacht. Dort haben Menschen viele verschiedene Sprachen gesprochen und kamen aus unterschiedlichen Kulturen. Trotzdem waren wir miteinander verbunden, einfach weil wir alle Menschen sind.

Ich glaube, diese Gemeinsamkeit reicht eigentlich schon. Wir müssen nicht dieselbe Sprache sprechen oder gleich aussehen. Es wäre schön, wenn wir neugierig aufeinander zugehen würden – auf andere Kulturen, anderes Essen, andere Sprachen – statt mit Angst oder Vorurteilen zu reagieren.

Wir haben alle unsere Verschiedenheiten und trotzdem die Gemeinsamkeit, dass wir Menschen sind. Und da ist es auch wirklich egal, wo und mit wem wir leben, solange wir diese Menschlichkeit noch haben, wird alles gut sein. Und das hat mir sogar der Mond versprochen.

Was hat dich am meisten überrascht, als du später auf diese Zeit zurückgeblickt hast?

Um ehrlich zu sein: vieles. Aber als Erstes fällt mir die Sprachbarriere ein, die ich hatte, als ich in Deutschland angekommen bin – im Flüchtlingslager, in der Grundschule und auch später. Ich konnte damals kein Deutsch und trotzdem habe ich mich irgendwie mit den anderen verständigt. Und irgendwann konnte ich die Sprache plötzlich.

Bis heute frage ich mich manchmal, wie das eigentlich passiert ist, dass ich auf Deutsch, Deutsch gelernt habe. Man sagt ja oft, dass Kinder Sprachen schneller lernen. Aber wenn ich heute versuche, zum Beispiel Niederländisch zu lernen, merke ich, dass mir das gar nicht so leicht fällt. Deshalb überrascht es mich immer noch.

Was wünschst du dir, was das Publikum aus der Vorstellung mitnimmt?

Was ich mir sehr wünsche, ist, dass wir diese hasserfüllte Mauer zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen überwinden. Ich würde gern über diese Mauer tanzen, pfeifen und lachen und vielleicht auch anderen helfen, hinaufzukommen, damit wir sie gemeinsam überwinden können. Jeder Mensch trägt eine Geschichte und eine Vergangenheit mit sich, auch wenn man sie von außen nicht sieht. Deshalb kann man Menschen nicht einfach oberflächlich einordnen oder beurteilen. Ich möchte deutlich machen, dass die »Flüchtlinge«, von denen wir in den Nachrichten hören oder über die im Fernsehen berichtet wird, nicht einfach nur irgendeine große Zahl sind. Es sind nicht einfach Menschen, die nebenbei im Krieg gestorben sind und dann wieder vergessen werden. Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch mit einem eigenen Leben, einer eigenen Geschichte. Sie alle haben Familien und Menschen, die ihnen wichtig sind. Es sind Kinder, Großeltern, Mütter und Väter – geliebte Menschen. Menschen, die lachen, hoffen, träumen und versuchen, ihre Liebsten zu beschützen. Menschen, die genau wie wir Angst haben, alles zu verlieren. Und genauso wie jeder von uns haben auch sie Angst vor dem Tod. Warum wird ihr Leid dann so oft verharmlost? Warum wirken diese grausamen Tode in den Nachrichten manchmal wie eine ferne Statistik, an die man sich schnell gewöhnt? Was wäre, wenn wir es wären? Wenn eure Familien fliehen müssten, wenn eure Häuser zerstört werden und ihr um euren Leben fürchten müssten? Würden wir dann auch nur eine Zahl in einer Meldung sein – oder würden wir uns wünschen, dass die Welt sieht, dass wir mehr sind als das: Menschen. Und auch die Geflüchteten sind mehr als das. Es sind Kämpfer, die es bis hierher geschafft haben. Und dabei alles, was sie sich je aufgebaut haben, aufgeben mussten.

Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft hier in Deutschland weiter zusammenwächst und nicht auseinanderdriftet. Die Welt ist ohnehin schon düster genug. Wir müssen sie nicht noch mit Hass, Vorurteilen und Kriegen weiter verdunkeln. Wir können auch einfach zusammenleben und uns mit unseren Unterschieden akzeptieren.

Für mich persönlich hat dieses Projekt auch noch eine andere Bedeutung. Damals fehlten mir die Worte, auf Arabisch genauso wie auf Deutsch. Es war nur ein Gefühl, für das ich keine Sprache hatte. Heute habe ich das Gefühl, dass ich, die ältere Malak, ein Werkzeug bin, um dieser kleinen Malak eine Stimme zu geben. Vielleicht kann sie dadurch ein bisschen ruhiger in mir werden. Früher fühlte es sich oft an, als hätte ich einen Kloß im Hals, als würde mir die Luft fehlen. Jetzt kann die kleine Malak endlich ein bisschen Luft holen.

Und vielleicht sind die Sonne und der Mond gar nicht so weit voneinander entfernt und vielleicht können sie auch zusammen in meinem Herzen existieren – und in allen anderen auch.

Die Fragen stellte Annika Müller

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. April 2025/26. (04.04.2026).    

Die Freundschaftsrente und das Theater

Vor einem Jahr sendete mir ein guter Freund einen Artikel zu. Darunter hatte er geschrieben: »Du bist meine Rente.« Mit Erstaunen las ich diese Nachricht. Ich sehe mich selbst nicht als Investition und auch nicht als zuverlässige monatliche (gar finanzielle) Zuwendung. Was sollte das überhaupt heißen?

Ich las den besagten Artikel und freute mich. In Havard untersuchen Forscher:innen in der »Harvard-Study of Adult Development« seit 85 Jahren anhand von Interviews und medizinischen Daten das Leben von 724 amerikanischen Männern und nachträglich auch das von deren Familienangehörigen. Es ist die weltweit am längsten laufende wissenschaftliche Studie über Risiken und Faktoren für Glück und Gesundheit. Die Erkenntnis der Langzeitstudie: Gute Beziehungen machen uns glücklicher und gesünder. 

Die Untersuchungen zeigen, dass Männer mit einem positiven Umfeld im Alter beispielsweise ein besseres Gedächtnis hatten. Dabei kommt es nicht auf Quantität, sondern Qualität an, denn es ist irrelevant, ob die Männer in einer festen Beziehung waren oder nicht, auch die Anzahl der Freund:innen spielte keine Rolle. Es kommt allgemein nur auf die Zufriedenheit in den bestehenden Beziehungen an. Einsamkeit hingegen gilt als gesundheitlicher Risikofaktor, der sich signifikant auf die Wahrscheinlichkeit für Herzerkrankungen und Schlaganfälle auswirkt. Es ergibt daher tatsächlich Sinn, in gute Freundschaften zu »investieren«. 

Und der Bogen zum Theater? Das Theater ist seit Jahrhunderten ein Ort des sozialen Zusammenkommens. Schon im antiken Griechenland war der Besuch der Aufführungen Teil des öffentlichen Lebens. In den großen Amphitheatern versammelten sich Menschen, um gemeinsam zu lachen, zu staunen oder zu diskutieren. Theater war damals immer auch ein gesellschaftlicher Raum, dies ist bis heute so geblieben.

Zwar sitzt man im Zuschauerraum meist still nebeneinander, doch das gemeinsame Schweigen verbindet. Man erlebt dieselbe Geschichte zur selben Zeit, reagiert gemeinsam auf einen Moment der Komik oder der Spannung. In bestimmten Situationen kommt es zum kollektiven Einatmen, Luftanhalten und zum gemeinsamen Lachen im Publikum.

Die soziale Dimension des Theaterbesuchs beginnt schon bei der Entscheidung: »Wen nehme ich mit?« Freund:innen, Familie, Kolleg:innen oder ein Date? Der Theaterabend wird zu einer Verabredung, zu einem Anlass, sich zu treffen und Zeit miteinander zu verbringen. 

Auch die Pause gehört zu diesem Ritual. Sie ist der Moment, in dem Eindrücke geteilt werden: »Wie findest du es bisher?« – »Hast du die Szene verstanden?« – »Die Musik war toll, oder?« Das Gespräch über das Gesehene ist Teil des Besuches. Auf dem Heimweg oder in der Bar um die Ecke wird weiter diskutiert über Lieblingsfiguren, irritierende Momente und Szenen, die bewegt haben. Theater ist anregend und erzeugt Gesprächsstoff. Es fordert dazu auf, Position zu beziehen, Eindrücke zu vergleichen und gemeinsam zu hinterfragen, was man gerade gesehen hat. Daher mein Rat: Kümmert euch um eure Freundschaftsrente und geht mal wieder zusammen mit jemandem, der euch wichtig ist, ins Theater!        

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. April 2025/26. (04.04.2026).                                  

„Wo stehen wir heute und jetzt?“ – Frauen*streik in Oldenburg

Am 9. März versammelten sich auf dem Oldenburger Schlossplatz über 1.900 Teilnehmer:innen, um sich am bundesweiten Frauen*streik zu beteiligen. Organisiert wurde die Demonstration vom Töchter Kollektiv, das ein vielfältiges Programm aus Redebeiträgen, Musik und kreativen Mitmachaktionen auf die Beine stellte. Rund um den Platz luden Stände zum Austausch ein, boten Möglichkeiten zur Vernetzung sowie Information und ergänzten das kuratierte Bühnenprogramm. 

In den Redebeiträgen ging es vor allem um Anerkennung und Gleichberechtigung, insbesondere in Pflegeberufen und in der Care-Arbeit, die noch immer überwiegend von Frauen* geleistet wird. Thematisiert wurde auch die oft unsichtbare Rolle der Frau als „Familienmanagerin“, die Organisation, emotionale Arbeit und Verantwortung im Alltag trägt, ohne dass diese Arbeit gesellschaftlich ausreichend anerkannt wird.

Dabei wurde deutlich benannt, wo Veränderungen notwendig sind: eine angemessene Bezahlung, die sich tatsächlich auf dem Lohnzettel widerspiegelt, bessere Ausbildungsbedingungen für junge Frauen*, mehr Sichtbarkeit von Frauen im Sport sowie insgesamt mehr Gleichstellung und gesellschaftliche Anerkennung in Bereichen, die traditionell von Frauen* geprägt sind. 

Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung von der Musikerin NAOMI aus Osnabrück. Mit ihrer Gitarre und gefühlvollen, zugleich politischen Liedern sorgte sie für besondere Momente auf der Bühne und unterstrich die Botschaften der Demonstration auf eindrucksvolle Weise. 

Auch einige Vereinsmitglieder des FC Medya Oldenburg standen auf der Bühne. In ihrem Beitrag plädierten sie für mehr Gleichberechtigung im Sport, für die stärkere Sichtbarmachung des Mädchenfußballs und für mehr Unterstützung von Mädchen, die sich im Sport ausprobieren möchten. 

Insgesamt beteiligten sich Menschen in über 80 Städten in ganz Deutschland an den Streiks. Die Veranstaltung in Oldenburg machte deutlich, wie viele unterschiedliche Themen und Perspektiven im Kampf für Gleichberechtigung zusammenkommen. Gleichzeitig wurde klar: Der Weg zu echter Gleichstellung ist noch lang. Die Demonstration auf dem Schlossplatz war damit nicht nur ein Zeichen der Solidarität, sondern auch ein Aufruf, die Debatten und das Engagement fortzuführen. Eine gelungene Veranstaltung des Töchter Kollektivs, von der es hoffentlich weitere geben wird, denn erreicht ist das Ziel noch lange nicht.

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. März 2026. (19.03.2026).

Schutz für Frauen und Kinder – Das Hanna-Haus in Oldenburg 

Gewalt gegen Frauen und Häusliche Gewalt werden zunehmend gesellschaftlich wahrgenommen, thematisiert und geächtet. Dennoch sind die Fallzahlen weiterhin alarmierend hoch. Im Jahr 2011 wurde daher bereits das „Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“ (die sogenannte Istanbul-Konvention) begründet, das 2018 in Deutschland wirksam wurde. Mit der Unterzeichnung verpflichteten sich die Vertragsstaaten zur Umsetzung von umfassenden Maßnahmen in Prävention und Intervention. 

Ein wichtiger Faktor ist dabei, dass bundesweit weiterhin Frauenhausplätze fehlen. Der Abschlussbericht der Task Force des Europarates zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen* und häuslicher Gewalt, empfiehlt einen Familienplatz (eine Frau mit mindestens einem Kind) pro 10.000 Einwohner*innen. Im Rahmen des Aktionsplans den der Rat der Stadt Oldenburg 2020 beschlossen hat, wurde daher die Erweiterung der Schutzangebote für von häuslicher Gewalt betroffene Frauen und ihre Kinder ausdrücklich als Maßnahme festgelegt. Ende 2025 wurde in Oldenburg das zweite Frauenhaus eröffnet. Das neue Frauenhaus der Johanniter, das den Namen Hanna-Haus trägt, besteht parallel zum Autonomen Frauenhaus. Beide dienen als Schutzhäuser, verfolgen jedoch unterschiedliche konzeptionelle Ansätze. Während der Standort des Autonomen Frauenhaus weiterhin anonymen ist, wurde der Standort des Frauenhauses Hanna bewusst öffentlich gemacht (Dammbleiche 22, 26135 Oldenburg). Unter dem Leitgedanken „Sichtbar, aber sicher“ soll deutlich werden, dass sich Frauen, die von Gewalt betroffen sind, nicht verstecken müssen. Und auch die kollektive Achtsamkeit spielt dabei eine Rolle: Die Einrichtung des Frauenhauses ist in der Nachbarschaft bekannt und wurde positiv aufgenommen. Niemand muss Bedenken haben, sich an das Hanna-Haus zu wenden. Wenn aus Sicherheitsgründen eine anonyme Unterbringung erforderlich ist oder diese von den Frauen gewünscht wird, erfolgt eine entsprechende Weitervermittlung. 

Der öffentliche Standort ermöglicht den Bewohnerinnen zudem, ihren Alltag weitgehend fortzuführen. Sie können beispielsweise ihrer beruflichen Tätigkeit nachgehen und ihre Kinder können fortgehend die Schule besuchen. Darüber hinaus wird im Haus eine offene Beratung angeboten, die sich auch an Frauen richtet, die nicht in der Einrichtung wohnen. Die Mitarbeitenden sind hierfür werktags von 8 bis 16 Uhr erreichbar.

Im Frauenhaus Hanna stehen insgesamt 14 Plätze zur Verfügung, die unterschiedliche Lebenssituationen berücksichtigen. Es gibt unter anderem Zimmer für Frauen mit mehreren Kindern. Auch Söhne bis zum Alter von 18 Jahren können gemeinsam mit ihren Müttern aufgenommen werden. Das Haus ist rollstuhlgerecht gestaltet und richtet sich an alle Frauen* unabhängig von Herkunft, Religion, sexueller Orientierung oder einer bestehenden Behinderung.

                                                                                                                    

Kontakt

Haus Hanna – Johanniter-Frauen- und Kinderschutzhaus Oldenburg

Dammbleiche 22, 26135 Oldenburg

Telefon: 36132-899

Veröffentlicht: Extrablatt. Women Today Oldenburg. 02/2026.

Zwischen Hin und Her – Was es heißt, sich auf der Bühne zu erinnern 

Was kann und darf Dokumentartheater? Darf es unterhalten, mitreißen, berühren?

Muss es jeden Schritt belegen, jede Aussage absichern? Wie kann es informieren und zugleich emotional sein? Und wie künstlerisch darf es werden, wenn es von realen Ereignissen erzählt? Das sind zentrale Fragen, sobald es darum geht, eine wahre Geschichte auf die Bühne zu bringen. Und sie werden umso drängender, wenn es die Geschichte eines Menschen ist, der selbst im Raum steht. Mit diesen Fragen haben wir uns in den vergangenen Monaten intensiv beschäftigt. Denn in der Sparte 7 wird die Geschichte einer jungen Oldenburgerin erzählt.

Malak Kadour ist acht Jahre alt, als ihre Familie Syrien verlassen muss. Der Krieg, der begann, als sie vier war, die Bombardierungen und die Repressionen des Assad-Regimes lassen keine Wahl. Es folgt die Flucht über das Mittelmeer und entlang der Balkanroute. Eine Reise voller Angst, Unsicherheit und existenzieller Bedrohung, bei der viele Menschen nicht ankommen, da ihnen das Geld ausgeht, sie krank werden oder sterben. Und zugleich eine Zeit, in der ein Kind kleine und schöne Momente von Freude findet und sein Lachen und seine Leichtigkeit nicht verliert.

Mit 14 beginnt Malak, angestoßen durch eine Schulaufgabe, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Das Schreiben wird zu einer Form der Verarbeitung, zu einem Versuch, sich das Erlebte zurückzuerobern. Aus einer Hausaufgabe entsteht eine Erzählung, aus der Erzählung ein Buch. »Zwischen Hin und Her. Meine Flucht aus Syrien« erscheint 2022 im Global Music Player Verlag in Oldenburg. Im selben Jahr erhält die Autorin eine Sonderauszeichnung beim Niedersächsischen Jugendkulturpreis „Zeit für Ideen“ sowie den Integrationspreis der Stadt Oldenburg.

Heute ist Malak 18 Jahre alt und Teil der Theaterproduktion, die auf ihrem Buch basiert. Damit verschiebt sich ihre Rolle: Sie erzählt die Geschichte der achtjährigen Malak noch einmal. Gemeinsam mit zwei Schauspielerinnen steht sie auf der Bühne. Sie erinnern sich, sprechen, widersprechen einander, ergänzen sich.

So entsteht eine komplexe Perspektive auf die erlebte Zeit. Die unmittelbare Sicht eines Kindes, die Erinnerung einer Jugendlichen, die ihre ersten Jahre in Deutschland verbracht hat und der reflektierende Blick der jungen Erwachsenen knapp 10 Jahre nach der Flucht. Vergangenheit und Gegenwart stehen nebeneinander. Denn Erinnerungen sind selten eindeutig. Sie sind bruchstückhaft, überlagert, in Bewegung. Die Darstellerinnen tragen dabei die Last der Erinnerung gemeinsam und stützen einander. 

Zugleich ist es Malak Kadour wichtig, den Blick auch auf die Perspektive ihrer Eltern zu richten. Auch Malaks Vater dokumentierte seine Erlebnisse schreibend auf Facebook in Form von Gedichten. Was bedeutet Krieg, Tod und Flucht aus der Perspektive eines Kindes? Und was aus der eines Elternteils? 

Gerade darin liegt die besondere Kraft dieser Inszenierung. Theater ist ein Ort der Gleichzeitigkeit. Die achtjährige Malak, die das Meer überquert, und die 18-jährige Malak, die davon erzählt, begegnen sich im selben Raum. Es geht darum gemeinsam hinzusehen, Ambivalenzen und Leerstellen auszuhalten, sich zu erinnern und einen empathischen Blick darauf zu werfen, wie ein Kind die Flucht um Leben und Freiheit erlebt.

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. März 2025/26. (06.03.2026). 

Skaten in Oldenburg 

Skateanlage Eversten frisch saniert und erweitert 

Natur, Vogelzwitschern und Beton: Rund sechs Monate dauerten die Bauarbeiten an der Anlage am Brandsweg. Rechtzeitig zum Frühling 2026 steht die erneuerte Skateanlage in Eversten den Oldenburger Skater:innen zur Verfügung. Die neue Fläche erstreckt sich über rund 1.250 Quadratmeter. Ein Rundkurs verknüpft verschiedene Elemente aus Street- und Flowelementen miteinander. Dadurch ist die Anlage gleichermaßen für Kinder, Anfänger:innen sowie für Fortgeschrittene und Erwachsene geeignet. Barrierearme und inklusive Angebote, auch für Menschen im Rollstuhl, machen den Skatepark zu einem Ort für alle, die Spaß an dem Sport haben. Die Planung des Areals lag dafür bei dem Büro endboss aus Hannover. Begleitet wurde das Vorhaben vom Fachdienst Stadtgrün – Planung und Neubau der Stadt Oldenburg.

Die Stadt Oldenburg veröffentlichte, dass die Bauarbeiten nicht ohne Herausforderungen verliefen. Nach einem intensiven Planungsprozess, der im Jahr 2023 startete, begannen im Juni 2025 die Bauarbeiten. Während der Bauphase erwiesen sich vor allem die parallel laufenden Leitungsarbeiten auf dem Schulgelände sowie die Witterungsbedingungen im Herbst und Winter als besondere Schwierigkeiten. Im Rahmen der Maßnahme wurde auch die angrenzende Grünanlage aufgewertet durch einen neuen Rad- und Fußweg für eine verbesserte Anbindung, neue Beetflächen, Baumpflanzungen und Sitzgelegenheiten. Eine neu angelegte Boulebahn erweitert zudem das Freizeitangebot. Die Grünflächen werden im Lauf des Frühjahres fertiggestellt. 

Gemeinsam mit dem Abenteuerspielplatz, dem Calisthenics-Park, den Sportangeboten des Turn- und Sportvereins Bloherfelde sowie dem Spielplatz am Schulzentrum soll in Eversten ein attraktiver Treffpunkt für Jung und Alt entstehen, der die Sport- und Freizeitlandschaft der Stadt Oldenburg bereichert. Zentral geht es dabei um ein modernes und inklusives Freizeitangebot für Einwohner:innen des gesamten Stadtgebiets. 

Die Fertigstellung soll nun gefeiert werden. Für das späte Frühjahr ist eine feierliche Eröffnung geplant. Die Veranstaltung wird gemeinsam mit verschiedenen Institutionen und Akteurinnen und Akteuren aus der Stadt sowie dem Stadtteil gestaltet und soll den neuen Ort in Eversten offiziell einweihen. Weitere Informationen zu Termin und Programm werden zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegeben.

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. März 2026. (05.03.2026).

#ohneunsstehtallesstill

Das Töchter Kollektiv organisiert bundesweiten Frauen*streik zum 09. März 

Am 9. März 2026 gehen auch in Oldenburg Menschen im Rahmen des bundesweiten Frauenstreiks auf die Straße. Die Bewegung setzt sich für die Gleichstellung von FLINTA*-Personen in allen Lebensbereichen ein. Dabei geht es von fairer Bezahlung über die Anerkennung von Care-Arbeit bis hin zum Schutz vor Gewalt und dem Recht auf körperliche Selbstbestimmung. In einer Zeit, in der Gleichstellungspolitik zunehmend infrage gestellt und traditionelle Rollenbilder wieder stärker propagiert werden, sehen die Organisator*innen akuten Handlungsbedarf. Im Interview spricht die Mitorganisatorin Melanie Deinert über die Hintergründe, Ziele und persönlichen Beweggründe für ihr Engagement.

MoX: Was ist das zentrale Anliegen des Frauenstreiks?

Melanie Deinert: Der zentrale Anspruch ist die Gleichstellung von Flinta in allen Lebensbereichen. Der Fokus ist natürlich abhängig von Stadt und Organisator*innen. Faire Bezahlung, Sichtbarmachung von unbezahlter Arbeit (Care Arbeit), die bessere Vereinbarung von Beruf und Familie, der Schutz vor Gewalt, die Selbstbestimmung über den eigenen Körper, etc… Du siehst, die Liste ist erweiterbar und daher ist es höchste Zeit, etwas zu tun.

MoX: Warum ist es gerade jetzt wichtig, auf die Straße zu gehen?

Melanie Deinert: Gerade jetzt ist es wichtig, auf die Straße zu gehen, weil wir erleben, wie gesellschaftliche Errungenschaften infrage gestellt werden. Wenn führende Politiker wie Merz Aussagen treffen, die traditionelle Rollenbilder verharmlosen oder Gleichstellung relativieren, dann ist das kein „Nebenschauplatz“, sondern ein Signal. Ein Signal dafür, dass Rechte von Frauen und queeren Menschen nicht selbstverständlich sind. Wir beobachten einen spürbaren Rechtsruck – in Deutschland und international. Rechte Kräfte gewinnen an Einfluss, feministische Anliegen werden als „übertrieben“ dargestellt, geschlechtergerechte Sprache lächerlich gemacht, und Gleichstellungspolitik wird als Ideologie diffamiert. 

MoX: Wer organisiert den Streik und wie lange gibt es die Bewegung hier vor Ort?

Melanie Deinert: Wir sind keine festgefügte Organisation, kein Verein mit Vorstand und Satzung. Wir sind eine zusammengewürfelte, bunte Truppe aus Oldenburg, die sich rund um den Frauenstreik am 9. März 2026 zusammengefunden hat.

Ausgangspunkt war der Aufruf des Töchterkollektivs, sogenannte Aktions- oder Arbeitsgruppen zu bilden. Die Idee: Menschen vor Ort organisieren sich selbstständig, bringen ihre Perspektiven ein und gestalten den Protest eigenständig mit.

In unserer Gruppe sind Frauen und FLINTA*-Personen, die bereits Erfahrung mit Protesten und Demonstrationen haben. Gleichzeitig sind auch Hausfrauen dabei, Frauen, die vielleicht noch nie zuvor auf einer Demo waren, die aber spüren: So wie es gerade läuft, wollen wir das nicht mehr hinnehmen. Viele hatten einfach das Bedürfnis, sich zusammenzutun und aktiv zu werden. Es kam immer wieder jemand dazu – ganz organisch.

MoX: Gibt es Unterstützung von Gewerkschaften oder Betrieben?

Melanie Deinert: Das Töchterkollektiv versteht sich ausdrücklich als überparteilich. Uns ist wichtig, dass beim Frauenstreik keine einzelne Partei im Vordergrund steht oder sichtbar dominiert. Der 9. März soll ein Raum sein, in dem sich möglichst viele Menschen wiederfinden können. Unabhängig von Parteizugehörigkeit oder gewerkschaftlicher Bindung.

Gleichzeitig bedeutet Überparteilichkeit nicht, dass wir isoliert arbeiten. Im Gegenteil: Wir greifen selbstverständlich auf das Know-how von Gewerkschaften, Initiativen und erfahrenen Zusammenschlüssen zurück. Viele von uns organisieren zum ersten Mal eine Demonstration – da ist es nur sinnvoll, sich Unterstützung zu holen, etwa bei rechtlichen Fragen, bei der Anmeldung oder bei organisatorischen Abläufen.

MoX: Warum engagierst Du Dich persönlich beim Frauenstreik?

Melanie Deinert: Warum engagiere ich mich beim Frauenstreik? Ich bin 42, habe zwei Kinder und bin berufstätig. Nach außen wirkt das vielleicht normal. Aber die Realität ist: Ich arbeite bezahlt – und danach arbeite ich unbezahlt weiter. Ich kümmere mich hauptsächlich um die Kinder, um Haushalt und Einkäufe. Ich plane Geburtstage, denke an Termine, organisiere den Alltag. Diese unsichtbare Verantwortung läuft immer mit. Mental Load hört nicht auf. Und ich bin oft einfach nur kaputt. Das ist kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles. Und gleichzeitig erleben wir einen Rechtsruck. Frauen werden wieder stärker auf traditionelle Rollenbilder reduziert, Gleichstellung wird infrage gestellt. Das will ich nicht akzeptieren.

Ich möchte nicht, dass meine Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, in der Frauenrechte wieder verhandelbar sind. Deshalb gehe ich am 9. März auf die Straße. Nicht, weil ich Zeit habe, sondern weil ich merke, dass sich etwas ändern muss.

MoX: Was kann man tun, wenn man in Oldenburg teilnehmen will? 

Melanie Deinert: Meldet euch einfach bei uns! Wir haben einen Instagram-Account und einen WhatsApp-Kanal, über die ihr alle Infos bekommt. Außerdem laden wir noch einmal herzlich zu unserem offenen Treffen ein – alle Details dazu findet ihr dort.

Kommt gerne vorbei! Ihr braucht keinerlei Vorerfahrung. Wirklich nicht. Wir erwarten nichts von euch – kein Druck. Druck haben wir schließlich schon genug.

Also: Fühlt euch herzlich willkommen. Kommt einfach dazu!

MoX: Was möchtest Du Menschen sagen, die noch unsicher sind, ob sie sich beteiligen sollen?

Melanie Deinert: Frauenrechte gehen uns alle etwas an. Fast jede Frau hat schon einmal Ungleichbehandlung erlebt. Es kostet vielleicht Überwindung, einfach vorbeizukommen und sich auf etwas Neues einzulassen, aber es macht einen großen Unterschied, wenn viele Menschen gemeinsam sichtbar sind.

Deshalb: Informiert euch, sprecht darüber und unterstützt das Thema. Gemeinsam können wir mehr bewegen.

                                                                                              Die Fragen stellte Annika Müller

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. Februar 2026. (19.02.2026).

»Wolf« – Zwischen Mücken, Angst und Mut

Ein Gefühl, das die meisten Menschen mindestens einmal in ihrem Leben erlebt haben, ist jenes, nicht dazuzugehören, sich fremd zu fühlen oder irgendwie anders zu sein als die eigene Familie, Freund:innen oder Bekannte.

Anders zu sein fühlt sich oft nicht leicht an. Es bedeutet, sich fehl am Platz zu fühlen, das Gefühl zu haben, keinen Raum im eigenen Umfeld oder im Leben anderer einzunehmen, und nicht selten auch Einsamkeit zu erleben. Viele Menschen kennen Momente, in denen sie merken, dass sie aus der Reihe fallen, dass sie nicht so recht hineinpassen.

Gerade diese Erfahrungen sind es, die uns prägen, sei es früh in der Schulzeit oder später im Berufsleben. Eigene Interessen, das äußere Erscheinungsbild oder andere Eigenschaften, die uns von anderen unterscheiden, können zum Anlass für Ausgrenzung oder sogar Mobbing werden. Wer anders wirkt, wird von außen oft noch stärker als »anders« markiert. Der Protagonist Kemi aus dem Buch »Wolf« von Saša Stanišićfindet dafür eindrückliche Worte. Der deutsch-bosnische Bestsellerautor erzählt in seinem ersten Jugendroman »Wolf« eine Geschichte über Freundschaft und Angst, über Empathie und Mobbing und macht dabei zugleich Mut, zum eigenen Anderssein zu stehen. 

Das Stück »Wolf« am Jungen Staatstheater nimmt das Publikum mit in den Wald, in ein Ferienlager mit Bäumen, Mücken und Blockhütten. Dazwischen zwei Schulkameraden, beide Außenseiter auf ihre eigene Weise. Kemi ist unfreiwillig mitgekommen. Abenteuer in der Natur gehören so ziemlich zu den letzten Dingen, auf die er sich freuen kann: überall Grün, Zecken und vor allem andere Kinder. Doch seine Mutter hat ihn trotzdem für das »Abenteuer Wald, Abenteuer Mensch« angemeldet. Oma macht einen Malkurs in Malente, und sie selbst hat keinen Urlaub bekommen.

Jörg hingegen freut sich auf die Zeit an der frischen Luft. Doch ausgerechnet ihn trifft es besonders hart. Bereits in der Schule von einer Gruppe gemeiner Mitschüler schikaniert, verschärft sich seine Situation im Ferienlager weiter. Unter den wegsehenden Betreuern wird er unter Druck gesetzt, erniedrigt, ausgegrenzt und noch »andersiger« gemacht, als er schon ist. Kann Kemi den Mut aufbringen, Jörg beizustehen? Als die Lage schließlich zu eskalieren droht, taucht auch noch ein Wolf auf. Gespielt werden die Ferienbetreuer:innen, Schüler:innen und anderen Figuren der Jugenderzählung von den Schauspielenden Konstantin Gries, Niklas Marx und Tamara Theisen. Die Geschichte wird witzig und leicht erzählt, nimmt ihre Figuren und ihre Gefühle dennoch ernst und zeigt dabei, wie schmerzhaft, aber auch stärkend das Anderssein sein kann.

Inszeniert wird »Wolf« in der Exhalle von Regisseur Jakob Fedler. Er wurde 1978 in Köln geboren, studierte Theaterregie an der Hochschule für Musik und Theater in Zürich. Seit 2009 hat er über 40 Inszenierungen realisiert. Er ist Gründungsmitglied des interdisziplinären, inklusiven »POUR ENSEMBLE« in Wuppertal und hat seit 2013 einen Lehrauftrag für Theaterregie an der Folkwang Universität der Künste.

Erfahrungen des Andersseins hinterlassen Spuren. Sie können schmerzhaft sein, aber sie formen uns auch und tragen dazu bei, wer wir werden. Anderssein ist nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance: eine Möglichkeit, sich selbst besser kennenzulernen, Haltung zu entwickeln und den eigenen Weg zu finden. Und Saša Stanišićs Text zeigt auch: Vielleicht hat jeder von uns seinen eigenen Wolf. 

BESETZUNG

Regie: Jakob Fedler

Bühne und Kostüme: Oliver Kostecka

Dramaturgie: Annika Müller

Theatervermittlung: Hanna Puka

Mit: Konstantin Gries, Tamara Theisen, Niklas Marx (Gast)

Premiere: Fr. 20.2. 18:00 Uhr

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. Februar 2025/26. (07.02.2026). 

Vom Verschämtsein

Wann hast du dich das letzte Mal geschämt? Als du dich beim lauten Kauen erwischt hast, als dir dein Einkauf an der Kasse heruntergefallen ist oder als dein Smartphone in einem völlig unpassenden Moment geklingelt hat? Ich schäme mich meistens, wenn mir etwas Unerwartetes passiert, etwas, das mich verletzlich zeigt: Es kann eine falsche oder hektische Bewegung sein, die verrät, dass ich unkonzentriert oder gestresst bin. Oder es ist ein Moment, der zeigt, dass ich nicht alles unter Kontrolle habe. 

Ist es dir schon passiert, dass du dich im Theater geschämt hast? War es wegen etwas, das du getan hast, zum Beispiel, weil du im stillen Saal einen Hustenanfall bekommen hast? Oder war es wegen etwas, das du gesehen hast? Die Fremdscham setzt sich neben dich, ungefragt, wenn jemand zu laut ist, zu ehrlich, zu bemüht, wenn ein Witz ins Leere fällt. Fremdscham ist dieses innere Zusammenzucken, obwohl man selbst gar nichts getan hat. Oder vielleicht doch: Weil man zugesehen hat. Sie entsteht im Dazwischen, zwischen Ich und Du, zwischen Bühne und Zuschauerraum, zwischen dem, was gezeigt wird, und dem, was man davon hält. 

Vor einigen Jahren hat mich einmal ein Schauspieler gefragt: »Schämst du dich, wenn du das Stück siehst, in dem ich mitspiele?« Eine irritierende Frage, wie ich damals fand. Fremdscham verrät doch mehr über die Betrachtenden als über die Betrachteten. Über Regeln, die nie ausgesprochen wurden. Über Erwartungen, die ins Wanken geraten, weil man meint, dass diese nicht erfüllt werden. 

Diese Scham hängt vielleicht mit der Frage zusammen: Wie denkst du, sollte Theater sein? Erwartest du gediegene Bühnenbilder und ausladende Ballkleider? Was denkst du, darf auf einer Bühne passieren und was nicht? Darf geflucht werden, darf es peinlich sein, dürfen Grenzen erprobt und überschritten werden? Manchmal wirken Erwartungen wie Stolperdrähte, die über die Bühne gespannt sind. Als müsste man versuchen nicht über sie zu stolpern, um nicht den Fremdscham-Alarm zu betätigen, der die Hände auf den Plan ruft, um die Augen zu bedecken. Ich horche zukünftig tiefer in mich hinein, wenn die Fremdscham vorbeikommt, weil ich weiß, dass sie ein Zeichen dafür ist, dass das, was ich sehe, mich herausfordert. Vielleicht will ich mich viel mehr schämen und dann fragen, warum. Denn wie schon Euripides in Iphigenie in Aulis schrieb: »Auch verschämt sein hat sein gehörig Maß und seine Stunde.«

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. Februar 2025/26. (07.02.2026).

Ein Wandbild, eine Debatte, eine Umbenennung, eine Ausstellung

Oldenburg – An wen erinnern wir uns, und warum? Wen ehren wir, wenn wir Orte benennen? Mit diesen Fragen hat sich das Team des Hauses für Medienkunst Oldenburg in den vergangenen Monaten intensiv auseinandergesetzt. Am 28. Januar eröffnete das Haus – fast zwei Jahre nach der Debatte um ein Wandbild unter einer Autobahnbrücke in Wechloy – die Ausstellung „Die Stifterin, der Nationalsozialismus und das Haus“. Sie widmet sich der Stifterin und ehemaligen Namensgeberin Edith Ruß und ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit.

Die Diskussion um die Umbenennung des Edith-Russ-Hauses für Medienkunst in Haus für Medienkunst Oldenburg wurde in den Jahren 2024 und 2025 kontrovers und emotional geführt. Mit der Ausstellung möchten das Leitungs- und Kurationsteam Edit Molnár und Marcel Schwierin ein experimentelles, diskursives Format schaffen, das die Geschichte Edith Ruß’, aber auch die grundsätzlichen Fragen von Erinnerung, Vermächtnis und Verantwortung verhandelt.

Eröffnet wurde die Ausstellung mit einer Rede des Kulturdezernenten Holger Denckmann. In seiner Ansprache sowie in den folgenden Worten von Schwierin und Molnár fällt ein Begriff immer wieder mit Nachdruck: „Fehler“. Gemeint sind zum einen Edith Ruß’ lebenslanges Leugnen ihrer NSDAP-Mitgliedschaft, zum anderen das jahrzehntelange Versäumnis, ihre Biografie kritisch zu überprüfen. Zugleich geht es um eine grundlegende Frage nach der Rolle der Kunst: Räume zu öffnen, Widersprüche sichtbar zu machen, nachzuwirken. Und um eine klare, auf die Gegenwart bezogene Aussage: Kunst ist das erste Opfer totalitärer Systeme.

Molnár betont im Anschluss, es gehe nicht nur um eine einzelne Person, sondern um die Geschichte der Stadt selbst, um kollektives Gedächtnis. Entsprechend steht der Diskurs im Zentrum der Ausstellung. Das historisch-künstlerische Projekt gliedert sich in drei Teile.

Der erste Teil besteht aus einer historischen Ausstellung mit Dokumenten und Schriften Edith Ruß’ aus der Zeit des Nationalsozialismus. In der unteren Etage folgt der zweite Teil: eine zeitgenössische Kunstausstellung, konzipiert von den Künstler:innen Dani Gal, Rajkamal Kahlon, Susanne Kriemann, Fynn Ribbeck, Roee Rosen, Anja Salomonowitz und Clemens von Wedemeyer. In unterschiedlichen medialen Ausdrucksformen setzen sie sich mit Aspekten des Nationalsozialismus auseinander. Wandarbeiten, Videoinstallationen und Zeichnungen thematisieren die NS-Zeit ebenso wie ihre Gewalttaten. 

Besonders eindrucksvoll wirkt der entfernte Neon-Schriftzug „Edith Russ“, der einst auf dem Dach des Hauses montiert war und nun, durch eine Scheibe sichtbar, im Hinterhof lehnt – ein stilles Zeichen für das Ende einer Ära.

Der dritte Teil des Projekts ist ein Forum im Zentrum der historischen Ausstellung. Hier finden Vorträge und Präsentationen im Rahmen eines umfangreichen Veranstaltungsprogramms statt. Ergänzt wird es durch eine Agora im unteren Ausstellungsbereich, die Raum für Workshops bietet. An mehreren Tagen pro Woche stehen zudem Mitarbeiter:innen des Vermittlungsteams im sogenannten „Kuratorischen Büro“ als Ansprechpersonen bereit. Ziel ist der Austausch: miteinander ins Gespräch zu kommen und einander zuzuhören.

Die Ausstellung ist bis zum 1. März geöffnet. Alle Veranstaltungen im Rahmen von „Die Stifterin, der Nationalsozialismus und das Haus“ sind kostenfrei und finden in deutscher Sprache statt.

                                                                                                                    

Was?

Im Jahr 2000 wurde das „Edith-Russ-Haus für Medienkunst“ eröffnet. 24 Jahre später erschien in der taz ein Artikel, der die nationalsozialistische Vergangenheit der Stifterin Edith Ruß öffentlich machte. Anlass war ein Wandbild berühmter Oldenburger Frauen, auf dem auch Ruß dargestellt war. Nach einem Jahr intensiver Debatten und Podiumsdiskussionen beschloss der Rat der Stadt Oldenburg 2025 die Umbenennung in „Haus für Medienkunst Oldenburg“. Das Porträt Edith Ruß’ wurde inzwischen übermalt; das Haus hat sich entschieden, seine eigene Geschichte aktiv aufzuarbeiten.

Wer?

Edith Ruß arbeitete während der Zeit des Nationalsozialismus als Schriftleiterin bei der Oldenburgischen Staatszeitung und betreute dort das Feuilleton. Ab 1934 unterlagen alle Zeitungen der nationalsozialistischen Ideologie und waren dem Propagandaministerium unterstellt. Um den Beruf der Schriftleiterin ausüben zu dürfen, war die Aufnahme in eine Berufsliste erforderlich. Voraussetzung dafür waren „arische Abstammung“ und der Nachweis „politischer Zuverlässigkeit“. Eine Mitgliedschaft in der NSDAP war formal keine Pflicht. Edith Ruß war jedoch Parteimitglied, was auch in ihrem Schriftleiterausweis vermerkt ist. Im späteren Entnazifizierungsverfahren leugnete sie diese Mitgliedschaft.

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. Februar 2026. (05.02.2026).