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Das Töchter Kollektiv organisiert bundesweiten Frauen*streik zum 09. März 

Am 9. März 2026 gehen auch in Oldenburg Menschen im Rahmen des bundesweiten Frauenstreiks auf die Straße. Die Bewegung setzt sich für die Gleichstellung von FLINTA*-Personen in allen Lebensbereichen ein. Dabei geht es von fairer Bezahlung über die Anerkennung von Care-Arbeit bis hin zum Schutz vor Gewalt und dem Recht auf körperliche Selbstbestimmung. In einer Zeit, in der Gleichstellungspolitik zunehmend infrage gestellt und traditionelle Rollenbilder wieder stärker propagiert werden, sehen die Organisator*innen akuten Handlungsbedarf. Im Interview spricht die Mitorganisatorin Melanie Deinert über die Hintergründe, Ziele und persönlichen Beweggründe für ihr Engagement.

MoX: Was ist das zentrale Anliegen des Frauenstreiks?

Melanie Deinert: Der zentrale Anspruch ist die Gleichstellung von Flinta in allen Lebensbereichen. Der Fokus ist natürlich abhängig von Stadt und Organisator*innen. Faire Bezahlung, Sichtbarmachung von unbezahlter Arbeit (Care Arbeit), die bessere Vereinbarung von Beruf und Familie, der Schutz vor Gewalt, die Selbstbestimmung über den eigenen Körper, etc… Du siehst, die Liste ist erweiterbar und daher ist es höchste Zeit, etwas zu tun.

MoX: Warum ist es gerade jetzt wichtig, auf die Straße zu gehen?

Melanie Deinert: Gerade jetzt ist es wichtig, auf die Straße zu gehen, weil wir erleben, wie gesellschaftliche Errungenschaften infrage gestellt werden. Wenn führende Politiker wie Merz Aussagen treffen, die traditionelle Rollenbilder verharmlosen oder Gleichstellung relativieren, dann ist das kein „Nebenschauplatz“, sondern ein Signal. Ein Signal dafür, dass Rechte von Frauen und queeren Menschen nicht selbstverständlich sind. Wir beobachten einen spürbaren Rechtsruck – in Deutschland und international. Rechte Kräfte gewinnen an Einfluss, feministische Anliegen werden als „übertrieben“ dargestellt, geschlechtergerechte Sprache lächerlich gemacht, und Gleichstellungspolitik wird als Ideologie diffamiert. 

MoX: Wer organisiert den Streik und wie lange gibt es die Bewegung hier vor Ort?

Melanie Deinert: Wir sind keine festgefügte Organisation, kein Verein mit Vorstand und Satzung. Wir sind eine zusammengewürfelte, bunte Truppe aus Oldenburg, die sich rund um den Frauenstreik am 9. März 2026 zusammengefunden hat.

Ausgangspunkt war der Aufruf des Töchterkollektivs, sogenannte Aktions- oder Arbeitsgruppen zu bilden. Die Idee: Menschen vor Ort organisieren sich selbstständig, bringen ihre Perspektiven ein und gestalten den Protest eigenständig mit.

In unserer Gruppe sind Frauen und FLINTA*-Personen, die bereits Erfahrung mit Protesten und Demonstrationen haben. Gleichzeitig sind auch Hausfrauen dabei, Frauen, die vielleicht noch nie zuvor auf einer Demo waren, die aber spüren: So wie es gerade läuft, wollen wir das nicht mehr hinnehmen. Viele hatten einfach das Bedürfnis, sich zusammenzutun und aktiv zu werden. Es kam immer wieder jemand dazu – ganz organisch.

MoX: Gibt es Unterstützung von Gewerkschaften oder Betrieben?

Melanie Deinert: Das Töchterkollektiv versteht sich ausdrücklich als überparteilich. Uns ist wichtig, dass beim Frauenstreik keine einzelne Partei im Vordergrund steht oder sichtbar dominiert. Der 9. März soll ein Raum sein, in dem sich möglichst viele Menschen wiederfinden können. Unabhängig von Parteizugehörigkeit oder gewerkschaftlicher Bindung.

Gleichzeitig bedeutet Überparteilichkeit nicht, dass wir isoliert arbeiten. Im Gegenteil: Wir greifen selbstverständlich auf das Know-how von Gewerkschaften, Initiativen und erfahrenen Zusammenschlüssen zurück. Viele von uns organisieren zum ersten Mal eine Demonstration – da ist es nur sinnvoll, sich Unterstützung zu holen, etwa bei rechtlichen Fragen, bei der Anmeldung oder bei organisatorischen Abläufen.

MoX: Warum engagierst Du Dich persönlich beim Frauenstreik?

Melanie Deinert: Warum engagiere ich mich beim Frauenstreik? Ich bin 42, habe zwei Kinder und bin berufstätig. Nach außen wirkt das vielleicht normal. Aber die Realität ist: Ich arbeite bezahlt – und danach arbeite ich unbezahlt weiter. Ich kümmere mich hauptsächlich um die Kinder, um Haushalt und Einkäufe. Ich plane Geburtstage, denke an Termine, organisiere den Alltag. Diese unsichtbare Verantwortung läuft immer mit. Mental Load hört nicht auf. Und ich bin oft einfach nur kaputt. Das ist kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles. Und gleichzeitig erleben wir einen Rechtsruck. Frauen werden wieder stärker auf traditionelle Rollenbilder reduziert, Gleichstellung wird infrage gestellt. Das will ich nicht akzeptieren.

Ich möchte nicht, dass meine Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, in der Frauenrechte wieder verhandelbar sind. Deshalb gehe ich am 9. März auf die Straße. Nicht, weil ich Zeit habe, sondern weil ich merke, dass sich etwas ändern muss.

MoX: Was kann man tun, wenn man in Oldenburg teilnehmen will? 

Melanie Deinert: Meldet euch einfach bei uns! Wir haben einen Instagram-Account und einen WhatsApp-Kanal, über die ihr alle Infos bekommt. Außerdem laden wir noch einmal herzlich zu unserem offenen Treffen ein – alle Details dazu findet ihr dort.

Kommt gerne vorbei! Ihr braucht keinerlei Vorerfahrung. Wirklich nicht. Wir erwarten nichts von euch – kein Druck. Druck haben wir schließlich schon genug.

Also: Fühlt euch herzlich willkommen. Kommt einfach dazu!

MoX: Was möchtest Du Menschen sagen, die noch unsicher sind, ob sie sich beteiligen sollen?

Melanie Deinert: Frauenrechte gehen uns alle etwas an. Fast jede Frau hat schon einmal Ungleichbehandlung erlebt. Es kostet vielleicht Überwindung, einfach vorbeizukommen und sich auf etwas Neues einzulassen, aber es macht einen großen Unterschied, wenn viele Menschen gemeinsam sichtbar sind.

Deshalb: Informiert euch, sprecht darüber und unterstützt das Thema. Gemeinsam können wir mehr bewegen.

                                                                                              Die Fragen stellte Annika Müller

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. Februar 2026. (19.02.2026).

»Wolf« – Zwischen Mücken, Angst und Mut

Ein Gefühl, das die meisten Menschen mindestens einmal in ihrem Leben erlebt haben, ist jenes, nicht dazuzugehören, sich fremd zu fühlen oder irgendwie anders zu sein als die eigene Familie, Freund:innen oder Bekannte.

Anders zu sein fühlt sich oft nicht leicht an. Es bedeutet, sich fehl am Platz zu fühlen, das Gefühl zu haben, keinen Raum im eigenen Umfeld oder im Leben anderer einzunehmen, und nicht selten auch Einsamkeit zu erleben. Viele Menschen kennen Momente, in denen sie merken, dass sie aus der Reihe fallen, dass sie nicht so recht hineinpassen.

Gerade diese Erfahrungen sind es, die uns prägen, sei es früh in der Schulzeit oder später im Berufsleben. Eigene Interessen, das äußere Erscheinungsbild oder andere Eigenschaften, die uns von anderen unterscheiden, können zum Anlass für Ausgrenzung oder sogar Mobbing werden. Wer anders wirkt, wird von außen oft noch stärker als »anders« markiert. Der Protagonist Kemi aus dem Buch »Wolf« von Saša Stanišićfindet dafür eindrückliche Worte. Der deutsch-bosnische Bestsellerautor erzählt in seinem ersten Jugendroman »Wolf« eine Geschichte über Freundschaft und Angst, über Empathie und Mobbing und macht dabei zugleich Mut, zum eigenen Anderssein zu stehen. 

Das Stück »Wolf« am Jungen Staatstheater nimmt das Publikum mit in den Wald, in ein Ferienlager mit Bäumen, Mücken und Blockhütten. Dazwischen zwei Schulkameraden, beide Außenseiter auf ihre eigene Weise. Kemi ist unfreiwillig mitgekommen. Abenteuer in der Natur gehören so ziemlich zu den letzten Dingen, auf die er sich freuen kann: überall Grün, Zecken und vor allem andere Kinder. Doch seine Mutter hat ihn trotzdem für das »Abenteuer Wald, Abenteuer Mensch« angemeldet. Oma macht einen Malkurs in Malente, und sie selbst hat keinen Urlaub bekommen.

Jörg hingegen freut sich auf die Zeit an der frischen Luft. Doch ausgerechnet ihn trifft es besonders hart. Bereits in der Schule von einer Gruppe gemeiner Mitschüler schikaniert, verschärft sich seine Situation im Ferienlager weiter. Unter den wegsehenden Betreuern wird er unter Druck gesetzt, erniedrigt, ausgegrenzt und noch »andersiger« gemacht, als er schon ist. Kann Kemi den Mut aufbringen, Jörg beizustehen? Als die Lage schließlich zu eskalieren droht, taucht auch noch ein Wolf auf. Gespielt werden die Ferienbetreuer:innen, Schüler:innen und anderen Figuren der Jugenderzählung von den Schauspielenden Konstantin Gries, Niklas Marx und Tamara Theisen. Die Geschichte wird witzig und leicht erzählt, nimmt ihre Figuren und ihre Gefühle dennoch ernst und zeigt dabei, wie schmerzhaft, aber auch stärkend das Anderssein sein kann.

Inszeniert wird »Wolf« in der Exhalle von Regisseur Jakob Fedler. Er wurde 1978 in Köln geboren, studierte Theaterregie an der Hochschule für Musik und Theater in Zürich. Seit 2009 hat er über 40 Inszenierungen realisiert. Er ist Gründungsmitglied des interdisziplinären, inklusiven »POUR ENSEMBLE« in Wuppertal und hat seit 2013 einen Lehrauftrag für Theaterregie an der Folkwang Universität der Künste.

Erfahrungen des Andersseins hinterlassen Spuren. Sie können schmerzhaft sein, aber sie formen uns auch und tragen dazu bei, wer wir werden. Anderssein ist nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance: eine Möglichkeit, sich selbst besser kennenzulernen, Haltung zu entwickeln und den eigenen Weg zu finden. Und Saša Stanišićs Text zeigt auch: Vielleicht hat jeder von uns seinen eigenen Wolf. 

BESETZUNG

Regie: Jakob Fedler

Bühne und Kostüme: Oliver Kostecka

Dramaturgie: Annika Müller

Theatervermittlung: Hanna Puka

Mit: Konstantin Gries, Tamara Theisen, Niklas Marx (Gast)

Premiere: Fr. 20.2. 18:00 Uhr

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. Februar 2025/26. (07.02.2026). 

Vom Verschämtsein

Wann hast du dich das letzte Mal geschämt? Als du dich beim lauten Kauen erwischt hast, als dir dein Einkauf an der Kasse heruntergefallen ist oder als dein Smartphone in einem völlig unpassenden Moment geklingelt hat? Ich schäme mich meistens, wenn mir etwas Unerwartetes passiert, etwas, das mich verletzlich zeigt: Es kann eine falsche oder hektische Bewegung sein, die verrät, dass ich unkonzentriert oder gestresst bin. Oder es ist ein Moment, der zeigt, dass ich nicht alles unter Kontrolle habe. 

Ist es dir schon passiert, dass du dich im Theater geschämt hast? War es wegen etwas, das du getan hast, zum Beispiel, weil du im stillen Saal einen Hustenanfall bekommen hast? Oder war es wegen etwas, das du gesehen hast? Die Fremdscham setzt sich neben dich, ungefragt, wenn jemand zu laut ist, zu ehrlich, zu bemüht, wenn ein Witz ins Leere fällt. Fremdscham ist dieses innere Zusammenzucken, obwohl man selbst gar nichts getan hat. Oder vielleicht doch: Weil man zugesehen hat. Sie entsteht im Dazwischen, zwischen Ich und Du, zwischen Bühne und Zuschauerraum, zwischen dem, was gezeigt wird, und dem, was man davon hält. 

Vor einigen Jahren hat mich einmal ein Schauspieler gefragt: »Schämst du dich, wenn du das Stück siehst, in dem ich mitspiele?« Eine irritierende Frage, wie ich damals fand. Fremdscham verrät doch mehr über die Betrachtenden als über die Betrachteten. Über Regeln, die nie ausgesprochen wurden. Über Erwartungen, die ins Wanken geraten, weil man meint, dass diese nicht erfüllt werden. 

Diese Scham hängt vielleicht mit der Frage zusammen: Wie denkst du, sollte Theater sein? Erwartest du gediegene Bühnenbilder und ausladende Ballkleider? Was denkst du, darf auf einer Bühne passieren und was nicht? Darf geflucht werden, darf es peinlich sein, dürfen Grenzen erprobt und überschritten werden? Manchmal wirken Erwartungen wie Stolperdrähte, die über die Bühne gespannt sind. Als müsste man versuchen nicht über sie zu stolpern, um nicht den Fremdscham-Alarm zu betätigen, der die Hände auf den Plan ruft, um die Augen zu bedecken. Ich horche zukünftig tiefer in mich hinein, wenn die Fremdscham vorbeikommt, weil ich weiß, dass sie ein Zeichen dafür ist, dass das, was ich sehe, mich herausfordert. Vielleicht will ich mich viel mehr schämen und dann fragen, warum. Denn wie schon Euripides in Iphigenie in Aulis schrieb: »Auch verschämt sein hat sein gehörig Maß und seine Stunde.«

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. Februar 2025/26. (07.02.2026).

Ein Wandbild, eine Debatte, eine Umbenennung, eine Ausstellung

Oldenburg – An wen erinnern wir uns, und warum? Wen ehren wir, wenn wir Orte benennen? Mit diesen Fragen hat sich das Team des Hauses für Medienkunst Oldenburg in den vergangenen Monaten intensiv auseinandergesetzt. Am 28. Januar eröffnete das Haus – fast zwei Jahre nach der Debatte um ein Wandbild unter einer Autobahnbrücke in Wechloy – die Ausstellung „Die Stifterin, der Nationalsozialismus und das Haus“. Sie widmet sich der Stifterin und ehemaligen Namensgeberin Edith Ruß und ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit.

Die Diskussion um die Umbenennung des Edith-Russ-Hauses für Medienkunst in Haus für Medienkunst Oldenburg wurde in den Jahren 2024 und 2025 kontrovers und emotional geführt. Mit der Ausstellung möchten das Leitungs- und Kurationsteam Edit Molnár und Marcel Schwierin ein experimentelles, diskursives Format schaffen, das die Geschichte Edith Ruß’, aber auch die grundsätzlichen Fragen von Erinnerung, Vermächtnis und Verantwortung verhandelt.

Eröffnet wurde die Ausstellung mit einer Rede des Kulturdezernenten Holger Denckmann. In seiner Ansprache sowie in den folgenden Worten von Schwierin und Molnár fällt ein Begriff immer wieder mit Nachdruck: „Fehler“. Gemeint sind zum einen Edith Ruß’ lebenslanges Leugnen ihrer NSDAP-Mitgliedschaft, zum anderen das jahrzehntelange Versäumnis, ihre Biografie kritisch zu überprüfen. Zugleich geht es um eine grundlegende Frage nach der Rolle der Kunst: Räume zu öffnen, Widersprüche sichtbar zu machen, nachzuwirken. Und um eine klare, auf die Gegenwart bezogene Aussage: Kunst ist das erste Opfer totalitärer Systeme.

Molnár betont im Anschluss, es gehe nicht nur um eine einzelne Person, sondern um die Geschichte der Stadt selbst, um kollektives Gedächtnis. Entsprechend steht der Diskurs im Zentrum der Ausstellung. Das historisch-künstlerische Projekt gliedert sich in drei Teile.

Der erste Teil besteht aus einer historischen Ausstellung mit Dokumenten und Schriften Edith Ruß’ aus der Zeit des Nationalsozialismus. In der unteren Etage folgt der zweite Teil: eine zeitgenössische Kunstausstellung, konzipiert von den Künstler:innen Dani Gal, Rajkamal Kahlon, Susanne Kriemann, Fynn Ribbeck, Roee Rosen, Anja Salomonowitz und Clemens von Wedemeyer. In unterschiedlichen medialen Ausdrucksformen setzen sie sich mit Aspekten des Nationalsozialismus auseinander. Wandarbeiten, Videoinstallationen und Zeichnungen thematisieren die NS-Zeit ebenso wie ihre Gewalttaten. 

Besonders eindrucksvoll wirkt der entfernte Neon-Schriftzug „Edith Russ“, der einst auf dem Dach des Hauses montiert war und nun, durch eine Scheibe sichtbar, im Hinterhof lehnt – ein stilles Zeichen für das Ende einer Ära.

Der dritte Teil des Projekts ist ein Forum im Zentrum der historischen Ausstellung. Hier finden Vorträge und Präsentationen im Rahmen eines umfangreichen Veranstaltungsprogramms statt. Ergänzt wird es durch eine Agora im unteren Ausstellungsbereich, die Raum für Workshops bietet. An mehreren Tagen pro Woche stehen zudem Mitarbeiter:innen des Vermittlungsteams im sogenannten „Kuratorischen Büro“ als Ansprechpersonen bereit. Ziel ist der Austausch: miteinander ins Gespräch zu kommen und einander zuzuhören.

Die Ausstellung ist bis zum 1. März geöffnet. Alle Veranstaltungen im Rahmen von „Die Stifterin, der Nationalsozialismus und das Haus“ sind kostenfrei und finden in deutscher Sprache statt.

                                                                                                                    

Was?

Im Jahr 2000 wurde das „Edith-Russ-Haus für Medienkunst“ eröffnet. 24 Jahre später erschien in der taz ein Artikel, der die nationalsozialistische Vergangenheit der Stifterin Edith Ruß öffentlich machte. Anlass war ein Wandbild berühmter Oldenburger Frauen, auf dem auch Ruß dargestellt war. Nach einem Jahr intensiver Debatten und Podiumsdiskussionen beschloss der Rat der Stadt Oldenburg 2025 die Umbenennung in „Haus für Medienkunst Oldenburg“. Das Porträt Edith Ruß’ wurde inzwischen übermalt; das Haus hat sich entschieden, seine eigene Geschichte aktiv aufzuarbeiten.

Wer?

Edith Ruß arbeitete während der Zeit des Nationalsozialismus als Schriftleiterin bei der Oldenburgischen Staatszeitung und betreute dort das Feuilleton. Ab 1934 unterlagen alle Zeitungen der nationalsozialistischen Ideologie und waren dem Propagandaministerium unterstellt. Um den Beruf der Schriftleiterin ausüben zu dürfen, war die Aufnahme in eine Berufsliste erforderlich. Voraussetzung dafür waren „arische Abstammung“ und der Nachweis „politischer Zuverlässigkeit“. Eine Mitgliedschaft in der NSDAP war formal keine Pflicht. Edith Ruß war jedoch Parteimitglied, was auch in ihrem Schriftleiterausweis vermerkt ist. Im späteren Entnazifizierungsverfahren leugnete sie diese Mitgliedschaft.

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. Februar 2026. (05.02.2026).

„Mein Freund Rilke“. Comic-Vorstellung mit Zeichnerin Melanie Garanin

Landesbibliothek Oldenburg: Am 22. Januar um 19 Uhr stellt die Autorin und Zeichnerin Melanie Garanin ihren Comic „Mein Freund Rilke“ (2025) dem Oldenburger Publikum vor. Begleitet wird der Abend von der Oldenburger Literaturwissenschaftlerin Dr. Silke Pasewalck vom Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE). Gemeinsam sprechen Garanin und Pasewalck über die künstlerische Annäherung an Leben und Werk des Lyrikers Rainer Maria Rilke.

Melanie Garanin (geb. 1972) studierte Zeichentrickfilm in Potsdam-Babelsberg und hat zahlreiche Bücher illustriert. Zu ihren Arbeiten zählen Kinder- und Jugendbücher ebenso wie Publikationen zu Heinz Erhardt und Frank Schmeißer. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Mit Rainer Maria Rilke beschäftigt sie sich bereits seit längerer Zeit: Seit einigen Jahren gestaltet sie einen illustrierten Rilke-Wandkalender mit ausgewählten Gedichten. Ihr Buch „Mein Freund Rilke“ erzählt von einer Begegnung mit dem Dichter, sowohl über seine Lyrik als auch in einem imaginierten Zusammentreffen im wirklichen Leben. Mit ihrem Comic lädt Garanin die Leserinnen und Leser zu einer persönlichen Entdeckungsreise ein: für alle, die Rilke lieben, und für jene, die ihn neu kennenlernen möchten.

Die Buchvorstellung findet im Rahmen der Rilke-Ausstellung „Unter so viel Lidern. Fotografien von Jan Jindra“ statt, zu der das BKGE und die Landesbibliothek Oldenburg gemeinsam einladen. Anlass der Ausstellung ist der 150. Geburtstag Rainer Maria Rilkes am 4. Dezember 2025. In einer fotografischen Spurensuche hat der tschechische Künstler Jan Jindra zentrale Stationen aus Rilkes Leben besucht, darunter Prag, St. Pölten, Worpswede, Arles, Berg am Irchel, Duino, Paris, Saintes-Maries-de-la-Mer, Venedig sowie verschiedene Orte in der Schweiz. Die Ausstellung versammelt Fotografien eines ruhelosen Dichterlebens, das von ständiger Bewegung durch Europa geprägt war.

Die Ausstellung ist eine Kooperation der Landesbibliothek Oldenburg mit dem BKGE, dem Adalbert-Stifter-Verein und der Tomas Bata University in Zlín. Jan Jindra (geb. 1962) studierte Fotografie an der Prager Filmhochschule FAMU und arbeitet bevorzugt in thematisch geschlossenen Fotozyklen. Dabei widmet er sich immer wieder literarischen Spurensuchen, etwa zu Franz Kafka. Sein Buch „S Kafkou na cestách“ (Mit Kafka unterwegs) erschien 2024. Für seine Arbeiten wurde Jindra mit zahlreichen international renommierten Preisen ausgezeichnet.

Die Ausstellung ist noch bis zum 7. Februar in der Landesbibliothek zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. Januar 2026. (22.01.2026).

GEHÖRGÄNGE 2026 – Jazz, Improvisation und Neue Musik in Oldenburg

Das Jahr 2026 hat gerade erst begonnen und schon jetzt darf sich Oldenburg auf hochkarätige musikalische Ankündigungen aus der Jazzszene freuen: Die Jazzmusiker Initiative Oldenburg setzt ihre Konzertreihe GEHÖRGÄNGE fort und lädt erneut zu zeitgenössischen Klangerkundungen ins Wilhelm13 ein. Dort präsentieren Musiker:innen ein vielfältiges Programm aus Jazz, Improvisierter Musik und Neuer Musik. Die Reihe besteht bereits seit 2012 und hat sich seither als fester Bestandteil des Oldenburger Musiklebens etabliert. Dabei sind die Konzerte bei der LANGEN NACHT DER MUSIK in Oldenburg und Bremen mit Beiträgen seit mehreren Jahren präsent. Wie bereits in den Vorjahren legt Hannes Clauss, Kurator der Reihe, in Zusammenarbeit mit dem HCL-Ensemble, großen Wert auf eine ausgewogene Beteiligung von Künstlerinnen und Künstlern. Clauss betont: „Das Besondere an dieser Reihe ist, dass wir dem Oldenburger Publikum die Möglichkeit bieten, Musik in den unterschiedlichsten Zusammenhängen zu hören.“

Genreübergreifend werden dabei auch Tänzer:innen, Schauspieler:innen und bildende Künstler:innen mit der Musik in Berührung gebracht. Im Mittelpunkt steht die Kunst der Improvisation: Nichts ist vorher abgesprochen, was ein hohes Maß an Können und Flexibilität von den Musikern und Musikerinnen erfordert. Clauss ergänzt: „Es gibt bei uns keine Tabus – vom Geräusch bis zur Melodie ist alles möglich, und das macht die Konzerte oft besonders spannend.“

Das erste Konzert der GEHÖRGÄNGE 2026 findet am 23. Januar statt. Den Auftakt des Programms 2026 gestaltet der Berliner Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur Titus Selge mit einer besonderen Performance zum 100. Todestag Rainer Maria Rilkes. Im Zentrum stehen Rilkes Sonette an Orpheus, die vom HCL-Ensemble musikalisch begleitet und kommentiert werden. Wort und Musik treten dabei in einen dialogischen Austausch und eröffnen einen modernen Zugang zu Rilkes Werk.

Titus Selge, Neffe des Schauspielers Martin Selge, ist vor allem als Regisseur und Drehbuchautor für das Fernsehen tätig. Zu seinen Arbeiten zählen unter anderem Episoden der Reihen Polizeiruf 110 und Tatort. 

Am 17. April ist der Saxofonist, Bandleader und Komponist Jan Klare bei den GEHÖRGÄNGEN zu Gast. Klare versteht seine künstlerische Praxis als „soziologische Feldforschung über Hörgewohnheiten, Hörerwartungen und deren Manipulation“. Das Konzert ist zweiteilig angelegt: In der ersten Hälfte präsentiert sich Jan Klare solo, bevor er in der zweiten Hälfte den freien improvisatorischen Dialog mit dem HCL-Ensemble sucht.

Am 4. September wird das Programm durch ein Konzert von Paul Hübner mit der Trompete fortgesetzt, der als Interpret, Komponist, Performer und Improvisationsmusiker tätig ist. Ein zentraler Fokus seiner Arbeit ist die intensive Zusammenarbeit mit Komponist:innen und Bühnenkünstler:innen zur Realisation neuer Werke für die Erforschung neuer Klänge – akustischer, inhaltlicher und sozialer Art – in eigenen Kompositionen und Improvisationen. 

Dem HCL-Ensemble ist der kontinuierliche Austausch mit Künstlerinnen und Künstlern aus der Neuen Musik ein besonderes Anliegen, da in dieser Zusammenarbeit sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten verschiedener musikalischer Konzepte sichtbar und hörbar werden. Im Zusammenspiel mit dem HCL-Ensemble sowie in einem Solobeitrag eröffnet sich dem Publikum die Möglichkeit, die Schnittstellen und Kontraste zwischen Improvisierter Musik und Neuer Musik unmittelbar zu erleben.

Den Abschluss der GEHÖRGÄNGE bildet am 20. November ein Abend mit der Oldenburger Künstlerin Patricia Borges De Medeiros. In einem Live-Setting projiziert sie mithilfe eines Overheadprojektors verschiedene Materialien, Farben und Zeichnungen und tritt dabei in einen unmittelbaren Dialog mit der Musik des HCL-Ensembles. Visuelle Elemente der Bildenden Kunst und das Akustische der Musik verschränken sich zu einem eigenständigen Hör- und Seherlebnis. 

Mit ihrem vielfältigen Programm setzen die GEHÖRGÄNGE 2026 die langjährige Tradition der Reihe fort und bieten dem Oldenburger Publikum erneut spannende Perspektiven auf zeitgenössische Musik an der Schnittstelle von Jazz, Improvisation und Neuer Musik. Gleichzeitig lädt die Reihe dazu ein, etwas zunehmend Wichtiges zu üben: Unvoreingenommenheit beim Hören.

Tickets für die Reihe kann man auf der Website vom Wilhelm13 oder an der Abendkasse erwerben. 

Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. Januar 2026. (08.01.2026).

Der ewige Neustart

Es gibt Orte, an denen der Jahresanfang groß beginnt. Im Fitnessstudio hört man die Vorsätze, die Entschlossenheit und den geschäftigen Aufbruch. Im Theater aber beginnt das neue Jahr eher leise. Schließlich lebt das Theater in Spielzeiten, nicht in Jahresanfängen. Der Januar kommt nach einem Silvesterfinale wie jeder andere Monat auch. 

Vielleicht ist das Theater sogar besser geübt im Neuanfang als manch andere Orte, denn jede Vorstellung ist ein Neubeginn. Selbst wenn eine Inszenierung bereits vielfach gespielt wurde, ist jeder Abend einzigartig. Neues Publikum, neue Fehler, neuer Schwung. Jede Szene wird noch einmal gespielt, und manchmal gelingt eine Passage gerade deshalb, weil man die richtige Energie zu Beginn der Vorstellung hat.

Während die letzten Vorstellungen des Weihnachtsmärchens »Die Schöne und das Biest« und »Der Schimmelreiter« stattfinden, erwarten uns im Januar auf den Bühnen bereits Premieren und hinter den Kulissen neue Probenstarts. Von der BallettCompagnie des Oldenburgischen Staatstheaters erwarten uns drei choreografische Uraufführungen unter dem Titel »Demo-Mode« ab dem 9. Januar im Kleinen Haus. In den Choreografien beschäftigen sich die Choreograf:innen mit verschiedenen Facetten der Demokratie. 

Die Möglichkeit, ungehindert zu sprechen, zu wählen und an öffentlichen Debatten teilzunehmen, bleibt ein hohes Gut. Doch diese Freiheit ist fragil. In seiner Choreografie erinnert der französische Gastchoreograf Guillaume Hulot daran, dass Grundrechte wie Meinungsfreiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit nur bestehen, wenn wir sie aktiv nutzen und für sie einstehen.

Zum ersten Mal boten die 16. Internationalen Tanztage 2025 eine Plattform für »Junge Choreograf:innen«. Das Publikum kürte Nicol Omezzolli zur Gewinnerin. Ihr Stück »Vincula Invisibilia Fracta« untersucht, wie wir uns aus subtilen Formen der Manipulation befreien können.

Die australische Choreografin Alice Topp richtet den Blick auf die Rolle von Algorithmen in modernen Demokratien. Soziale Medien mit ihrer enormen Reichweite, personalisierter Werbung und datengetriebenen Empfehlungen können politische Stimmungen lenken. Ihre Arbeit stellt die Frage: Welche Zukunft hat unsere politische Meinungsbildung, wenn Algorithmen Kontrolle über Trends und politische Orientierung haben?

All diese choreografischen Arbeiten zeigen auf unterschiedliche Weise, wie sehr unsere Freiheit, unsere Entscheidungen und sogar unsere Wahrnehmungen im Wandel sind. Demokratie ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Ein Zusammenspiel aus Mut, Bewusstsein und der Bereitschaft, immer wieder hinzuschauen. 

Genau darin liegt die Parallele zum Theater: Auch hier entsteht jede Erkenntnis erst im Moment des Tuns, im erneuten Beginnen, im Fortschreiben einer Szene, die nie vollständig abgeschlossen ist. Jede neue Bewegung, jeder neue Gedanke kann eine Richtung ändern, etwas öffnen. Das verdeutlicht vor allem eines: Ein Neustart muss nicht perfekt sein, er muss nur stattfinden. 

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. Januar 2025/26. (05.01.2026). 

Ein Tag, viele Stimmen

Zum Internationalen Tag der Migranten*Migrantinnen

Migration gehört zu den prägenden Themen unserer Zeit. Millionen von Menschen verlassen jedes Jahr ihre Heimat auf der Suche nach Sicherheit und Perspektive für die Zukunft. Die Gründe zur Entscheidung zur Flucht sind vielfältig und gleichermaßen unaushaltbar: Gewalt, Krieg, Unterdrückung, politische Verfolgung, Naturkatastrophen. Und auch das Ankommen ist ebenso schwer. 

Nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) ist die Zahl der internationalen Migrantinnen und Migranten seit dem Jahr 2000 um 2,3 Prozent gestiegen und erreichte 2019 rund 272 Millionen Menschen. Darunter befinden sich etwa 70 Millionen Geflüchtete, die gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben wurden, viele von ihnen innerhalb der eigenen Landesgrenzen.

Der Internationale Tag der Migranten*Migrantinnen, der jedes Jahr am 18. Dezember begangen wird, erinnert an die Bedeutung von Schutz, Würde und Rechten für all jene, die ihre Heimat verlassen mussten. Er wurde vor 20 Jahren von der UN ins Leben gerufen, um die Öffentlichkeit weltweit auf das Schicksal und die Probleme der Menschen zu lenken, die ihr Heimatland angesichts anhaltender Konflikte, Kriege, Menschenrechtsverletzungen und Armut verlassen haben. Der Tag ruft Regierungen, Organisationen und Gesellschaften weltweit dazu auf, Migration als eine gemeinsame Verantwortung zu verstehen. Denn gerade migrierte Menschen sind durch ihren ungewissen Aufenthaltsstatus, ihre Ängste und Not machen oft schutzlos und werden damit – auch in Deutschland – leicht zu Opfern von Diskriminierung, Ausbeutung und Fremdenfeindlichkeit. 

In der Sparte 7 beschäftigen wir uns in diversen Formaten mit den Themen Flucht, Migration und Gedenken. Am 8. Dezember findet in der Exhalle der dritte Abend des Netzwerks Solidarisch in der Migrationsgesellschaft statt, bei dem der Künstler Riadh Ben Ammar mit seinem Solo-Stück „Bei den Linken“ auftritt und im Nachgespräch mit dem Publikum in den direkten Austausch geht. Im Dezember gibt es in der Sparte 7 zudem vermehrt Diskursgewitterabende, die sich thematisch mit Demokratie und rechten Strukturen auseinandersetzen und zu Information und Diskurs einladen. Aktuell probt die Produktion „Zwischen Hin und Her – Meine Flucht aus Syrien“ von und mit Malak Kadour, eine junge Oldenburgerin, die ihre Fluchtgeschichte in ihrem gleichnamigen Buch veröffentlichte und mit zwei Darstellerinnen im nächsten Jahr auf der Bühne des Spielraums erzählt. Die Premiere ist am 4. April 2026. 

Mit den aktuellen Produktionen und Veranstaltungsformaten setzt die Sparte 7 ein klares Zeichen für gesellschaftliche und künstlerische Auseinandersetzung. Die Projekte greifen die Themen Migration, Flucht und Zugehörigkeit aus unterschiedlichen Perspektiven auf und schaffen Räume für Dialog und Reflexion. Theater versteht sich nicht nur als Ort der Darstellung, sondern auch des Verstehens und der Begegnung. Es schafft einen Raum, in dem gesellschaftliche Themen lebendig verhandelt werden.

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. Dezember 2025/26.(06.12.2025). 

Die Orange Days: Gewalt gegen Frauen geht uns alle an

Im Rahmen der Orange Days wurden in Oldenburg mehrere Gebäude, wie das Staatstheater, orange illuminiert um ein sichtbares Zeichen gegen Gewalt an Frauen zu setzen.

Weltweit bleiben die Zahlen geschlechtsspezifischer Gewalt auch im Jahr 2025 alarmierend. Nach wie vor erlebt rund ein Drittel aller Frauen im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexualisierte Übergriffe. Darunter häusliche Gewalt, Zwangsprostitution, sexuelle Belästigung, Missbrauch, Vergewaltigung oder digitale Gewalt. Besonders häufig geschieht dies im direkten sozialen Umfeld, verübt durch nahstehende Personen wie Partner, Ex-Partner oder Bekannte. Nach Angaben des Bundesministeriums des Inneren wurde 2023 nahezu täglich eine Frau getötet. Fast 70 Prozent dieser Fälle standen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt. Katharina Sturm betonte im BR-Podcast „Die neue Form“ zudem: „Nahezu alle Frauen mit Behinderung erleben psychische Gewalt, also Mobbing, Beleidigungen, Drohungen und solche Geschichten. Das ist deutlich höher als […] bei nicht behinderten Frauen.“ 

Zentral ist dabei stets ein strukturelles Machtgefälle zwischen den Geschlechtern, das Kontrolle, Erniedrigung und Ausbeutung begünstigt. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) und die GdP-Bundesfrauengruppe betonen die drastische Entwicklung der häuslichen Gewalt gegen Frauen und fordern dahingehend eine Null-Toleranz-Strategie.

Geschlechtsspezifische Gewalt ist kein privates Problem. Hinter Begriffen wie „Beziehungstat“, „Einzelfall“ oder „erweiterter Suizid“ verbirgt sich häufig eine Verharmlosung struktureller Ursachen: gesellschaftliche Normen und Rollenbilder, die Gewalt gegen Frauen und Mädchen begünstigen. Dass diese Gewalt im schlimmsten Fall in Femiziden endet, macht deutlich, wie dringend Politik, Institutionen und Gesellschaft entschlossen handeln müssen. Seit 1999 ist der 25. November auf Beschluss der Vereinten Nationen ein internationaler Gedenk- und Aktionstag. Im Rahmen der Kampagne der Vereinten Nationen (UN) „Orange the World“ hat sich dafür auch der Begriff „Orange Days“ etabliert. Dabei geht es vor allem darum, dass der Kampf gegen Gewalt an Frauen und die Solidarisierung mit Betroffenen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen werden muss und einer breiten Aufmerksamkeit bedarf. Der „Gender Snapshot“ 2025 der UN und UN Women analysiert Fortschritte und Rückschritte bei der Umsetzung der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) aus Geschlechterperspektive. Der neueste „Gender Snapshot“ belegt: Es wurden Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter erzielt, diese sind aber bei weitem zu langsam und werden durch antifeministische Bewegungen bedroht. Laut Schätzungen der UN braucht es beim aktuellen Tempo fast 100 Jahre bis zur Gleichstellung der Geschlechter auf der Führungsebene. 

Zahlreiche Institutionen in Oldenburg beteiligen sich aktiv an den Orange Days. So bietet die Landesbibliothek am Pferdemarkt anlässlich der Orange Days vom 25. November bis 10. Dezember einen Informations- und Lesebereich mit Fach- und Sachliteratur, sowie Romanen zum Thema Gewalt gegen Frauen an. 

Diverse Bäckereien im Oldenburger Stadtgebiet verpacken Backwaren in Tüten mit der Aufschrift „Gewalt kommt nicht in die Tüte“, um auf sexualisierte Gewalt aufmerksam zu machen, und erreichen damit viele Bürgerinnen und Bürger. Insgesamt 24.000 Brötchentüten werden vom Präventionsrat in Kooperation mit dem ZONTA Club Oldenburg und dem Gleichstellungsbüro zur Verfügung gestellt.

Der AStA der Universität Oldenburg präsentiert in Kooperation mit dem Gleichstellungsbüro der Stadt eine kostenlose Ausstellung vom „Bündnis gegen Sexismus“. Von Montag, 24. November, bis Montag, 1. Dezember, kann man die Plakatausstellung im Mensa-Foyer (AStA-Trakt), Uhlhornsweg 49-55, über Themen wie Sexismus in der Arbeitswelt sowie in Kultur und Medien besuchen. 

Aber auch als Privatperson kann man Aktionismus zeigen und leben. Flugblätter drucken, Wände plakatieren, ungemütlich werden, ins Gespräch gehen, Diskussionen führen und dadurch Aufmerksamkeit für Gleichstellungsthemen schaffen. Denn nur durch Handlung und Solidarität können wir etwas bewirken. 

Welche Hilfsangebote und Beratungsstellen gibt es in Oldenburg für Betroffene?

BISS – Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt und Stalking: Telefon 0441 235-3798

Olena – Beratungsstelle für gewaltbetroffene Frauen mit Migrationshintergrund und geflüchtete Frauen: olena.beratung@web.de, Telefon 0441 235-2490

Wildwasser – Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt an Mädchen und Frauen: www.wildwasser-oldenburg.de, Telefon 0441 16656

Autonomes Frauenhaus: www.frauenhaus-oldenburg.de, Telefon 0441 47981

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Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. Dezember 2025. (04.12.2025).

Die Schöne und das Biest

Ein Märchen wie kein anderes

Von Lucy Kirkwood und Katie Mitchell – Deutsch von Katharina Schmitt

»Es war einmal …« – so beginnen alle Märchen. Doch wer glaubt, die Geschichte von Belle und dem Biest schon zu kennen, wird in der außergewöhnlichen Theaterfassung von Lucy Kirkwood und Katie Mitchell zum Märchenklassiker „Die Schöne und das Biest“ eines Besseren belehrt.

„Die Schöne und das Biest“ gehört zu den bekanntesten und ältesten Liebesgeschichten der europäischen Erzähltradition. Seine Wurzeln reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück: 1740 veröffentlichte die französische Schriftstellerin Gabrielle-Suzanne Barbot de Villeneuve erstmals die Geschichte von der klugen jungen Frau und dem verfluchten Ungeheuer. Ein 362 Seiten umfassender Roman, welcher nicht für Kinder gedacht war, sondern zur Unterhaltung des Hofes und der Pariser Salons. 

Rund sechzehn Jahre später griff Jeanne-Marie Leprince de Beaumont die Geschichte auf und kürzte sie zu der Fassung, die wir heute kennen: eine klare, moralische Erzählung über die Macht der Liebe, die wahre Schönheit im Inneren sucht. Diese Version verbreitete sich rasch in ganz Europa und wurde zu einem festen Bestandteil der Volksmärchen-Tradition.

Im Laufe der Jahrhunderte erfuhr das Märchen unzählige Neuerzählungen, Bearbeitungen und Adaptionen von Theater und Ballett über Romane bis hin zu Filmen und Comics. Besonders Jean Cocteaus Animationsfilm von 1946 und die Disney-Verfilmung von 1991 prägten das Bild der Geschichte in der modernen Kultur.

Doch jenseits aller Versionen bleibt der Kern der Geschichte gleich: Es ist die Erzählung von einem Menschen, der lernt, hinter das Äußere zu sehen und von der Liebe, die verwandelt. Doch was erwartet die Zuschauenden im Oldenburgischen Staatstheater? Einiges ist altbekannt in unserer Bühnenerzählung: In einem fernen Land namens Frankreich, vor vielen Jahren, verirrt sich ein Vater in ein verlassenes Schloss. Aus Liebe zu seiner Tochter pflückt er eine Rose und gerät damit in die Fänge eines furchteinflößenden Biests. Um das Leben ihres Vaters zu retten, begibt sich Belle in das Schloss, wo sie fortan mit dem rätselhaften Herrn des Hauses lebt. Doch statt finsterer Schrecken warten dort unerwartete Wunder, Wünsche, die in Erfüllung gehen und ein Biest, das vielleicht weniger schrecklich ist, als es scheint. Warum fragt das Biest sie Abend für Abend, ob sie es liebe? Und was, wenn hinter der Fassade aus Fell und Furcht mehr steckt, als man ahnt? 

In der Fassung von Mitchell und Kirkwood erwarten uns auch Überraschungen: Begleitet wird die märchenhafte Erzählung von den beiden Feen Mister Pink und Cécile. Ein charmant-chaotisches Moderationsduo, das mit Witz, Scharfsinn und einem „bahnbrechenden Gedankenfänger“ das Publikum verzaubert. Ihre Kommentare sprühen vor Ironie und machen das Märchen zu einer schillernden Show zwischen Zauber, Humor und unerwarteter Tiefe. 

Mit viel Fantasie, Sprachwitz und einem modernen Blick auf das alte Volksmärchen entführt das Team um Regisseurin Krystyn Tuschoff das Publikum in eine Welt, in der Liebe, Mut und das Erkennen innerer Schönheit im Mittelpunkt stehen. Premiere feiert das Stück im Großen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters am 30. November. Ein Stück für alle, die Märchen lieben und jene, die glauben, längst zu wissen, wie sie ausgehen.

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. Dezember 2025/26. (06.12.2025). 

DIE SCHÖNE UND DAS BIEST

Von Lucy Kirkwood / Katie Mitchell | Deutsch von Katharina Schmitt

PREMIERE: Sonntag, 30.11. | 15:00 Uhr | Großes Haus

BESETZUNG

Regie: Krystyn Tuschhoff | Bühne und Kostüme: Anike Sedello | Musik: Jan Wilhelm Beyer | Licht: Arne Waldl | Dramaturgie: Matthias Grön, Annika Müller | Theatervermittlung: Liliane Bauer 

Mit: Florian Heise, Esther Berkel, Sofie Junker, Pippa Fee Ruperti, Franziska Werner, Gerrit Frers, Michel Brandt, Darios Vaysi, Statisterie des Oldenburgischen Staatstheaters

Vorstellungen: 1.12., 2.12., 3.12., 5.12., 6.12., 7.12., 8.12., 9.12., 10.12., 11.12., 12.12., 14.12., 15.12., 16.12., 17.12., 18.12., 21.12., 23.12., 26.12., 29.12., 4.1.

Die Vorstellung am 9.12., 9:30 Uhr, wird von Gebärdendolmetscher:innen begleitet.