Vom Verschämtsein

Wann hast du dich das letzte Mal geschämt? Als du dich beim lauten Kauen erwischt hast, als dir dein Einkauf an der Kasse heruntergefallen ist oder als dein Smartphone in einem völlig unpassenden Moment geklingelt hat? Ich schäme mich meistens, wenn mir etwas Unerwartetes passiert, etwas, das mich verletzlich zeigt: Es kann eine falsche oder hektische Bewegung sein, die verrät, dass ich unkonzentriert oder gestresst bin. Oder es ist ein Moment, der zeigt, dass ich nicht alles unter Kontrolle habe. 

Ist es dir schon passiert, dass du dich im Theater geschämt hast? War es wegen etwas, das du getan hast, zum Beispiel, weil du im stillen Saal einen Hustenanfall bekommen hast? Oder war es wegen etwas, das du gesehen hast? Die Fremdscham setzt sich neben dich, ungefragt, wenn jemand zu laut ist, zu ehrlich, zu bemüht, wenn ein Witz ins Leere fällt. Fremdscham ist dieses innere Zusammenzucken, obwohl man selbst gar nichts getan hat. Oder vielleicht doch: Weil man zugesehen hat. Sie entsteht im Dazwischen, zwischen Ich und Du, zwischen Bühne und Zuschauerraum, zwischen dem, was gezeigt wird, und dem, was man davon hält. 

Vor einigen Jahren hat mich einmal ein Schauspieler gefragt: »Schämst du dich, wenn du das Stück siehst, in dem ich mitspiele?« Eine irritierende Frage, wie ich damals fand. Fremdscham verrät doch mehr über die Betrachtenden als über die Betrachteten. Über Regeln, die nie ausgesprochen wurden. Über Erwartungen, die ins Wanken geraten, weil man meint, dass diese nicht erfüllt werden. 

Diese Scham hängt vielleicht mit der Frage zusammen: Wie denkst du, sollte Theater sein? Erwartest du gediegene Bühnenbilder und ausladende Ballkleider? Was denkst du, darf auf einer Bühne passieren und was nicht? Darf geflucht werden, darf es peinlich sein, dürfen Grenzen erprobt und überschritten werden? Manchmal wirken Erwartungen wie Stolperdrähte, die über die Bühne gespannt sind. Als müsste man versuchen nicht über sie zu stolpern, um nicht den Fremdscham-Alarm zu betätigen, der die Hände auf den Plan ruft, um die Augen zu bedecken. Ich horche zukünftig tiefer in mich hinein, wenn die Fremdscham vorbeikommt, weil ich weiß, dass sie ein Zeichen dafür ist, dass das, was ich sehe, mich herausfordert. Vielleicht will ich mich viel mehr schämen und dann fragen, warum. Denn wie schon Euripides in Iphigenie in Aulis schrieb: »Auch verschämt sein hat sein gehörig Maß und seine Stunde.«

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. Februar 2025/26. (07.02.2026).

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