Das Töchter Kollektiv organisiert bundesweiten Frauen*streik zum 09. März
Am 9. März 2026 gehen auch in Oldenburg Menschen im Rahmen des bundesweiten Frauenstreiks auf die Straße. Die Bewegung setzt sich für die Gleichstellung von FLINTA*-Personen in allen Lebensbereichen ein. Dabei geht es von fairer Bezahlung über die Anerkennung von Care-Arbeit bis hin zum Schutz vor Gewalt und dem Recht auf körperliche Selbstbestimmung. In einer Zeit, in der Gleichstellungspolitik zunehmend infrage gestellt und traditionelle Rollenbilder wieder stärker propagiert werden, sehen die Organisator*innen akuten Handlungsbedarf. Im Interview spricht die Mitorganisatorin Melanie Deinert über die Hintergründe, Ziele und persönlichen Beweggründe für ihr Engagement.
MoX: Was ist das zentrale Anliegen des Frauenstreiks?
Melanie Deinert: Der zentrale Anspruch ist die Gleichstellung von Flinta in allen Lebensbereichen. Der Fokus ist natürlich abhängig von Stadt und Organisator*innen. Faire Bezahlung, Sichtbarmachung von unbezahlter Arbeit (Care Arbeit), die bessere Vereinbarung von Beruf und Familie, der Schutz vor Gewalt, die Selbstbestimmung über den eigenen Körper, etc… Du siehst, die Liste ist erweiterbar und daher ist es höchste Zeit, etwas zu tun.
MoX: Warum ist es gerade jetzt wichtig, auf die Straße zu gehen?
Melanie Deinert: Gerade jetzt ist es wichtig, auf die Straße zu gehen, weil wir erleben, wie gesellschaftliche Errungenschaften infrage gestellt werden. Wenn führende Politiker wie Merz Aussagen treffen, die traditionelle Rollenbilder verharmlosen oder Gleichstellung relativieren, dann ist das kein „Nebenschauplatz“, sondern ein Signal. Ein Signal dafür, dass Rechte von Frauen und queeren Menschen nicht selbstverständlich sind. Wir beobachten einen spürbaren Rechtsruck – in Deutschland und international. Rechte Kräfte gewinnen an Einfluss, feministische Anliegen werden als „übertrieben“ dargestellt, geschlechtergerechte Sprache lächerlich gemacht, und Gleichstellungspolitik wird als Ideologie diffamiert.
MoX: Wer organisiert den Streik und wie lange gibt es die Bewegung hier vor Ort?
Melanie Deinert: Wir sind keine festgefügte Organisation, kein Verein mit Vorstand und Satzung. Wir sind eine zusammengewürfelte, bunte Truppe aus Oldenburg, die sich rund um den Frauenstreik am 9. März 2026 zusammengefunden hat.
Ausgangspunkt war der Aufruf des Töchterkollektivs, sogenannte Aktions- oder Arbeitsgruppen zu bilden. Die Idee: Menschen vor Ort organisieren sich selbstständig, bringen ihre Perspektiven ein und gestalten den Protest eigenständig mit.
In unserer Gruppe sind Frauen und FLINTA*-Personen, die bereits Erfahrung mit Protesten und Demonstrationen haben. Gleichzeitig sind auch Hausfrauen dabei, Frauen, die vielleicht noch nie zuvor auf einer Demo waren, die aber spüren: So wie es gerade läuft, wollen wir das nicht mehr hinnehmen. Viele hatten einfach das Bedürfnis, sich zusammenzutun und aktiv zu werden. Es kam immer wieder jemand dazu – ganz organisch.
MoX: Gibt es Unterstützung von Gewerkschaften oder Betrieben?
Melanie Deinert: Das Töchterkollektiv versteht sich ausdrücklich als überparteilich. Uns ist wichtig, dass beim Frauenstreik keine einzelne Partei im Vordergrund steht oder sichtbar dominiert. Der 9. März soll ein Raum sein, in dem sich möglichst viele Menschen wiederfinden können. Unabhängig von Parteizugehörigkeit oder gewerkschaftlicher Bindung.
Gleichzeitig bedeutet Überparteilichkeit nicht, dass wir isoliert arbeiten. Im Gegenteil: Wir greifen selbstverständlich auf das Know-how von Gewerkschaften, Initiativen und erfahrenen Zusammenschlüssen zurück. Viele von uns organisieren zum ersten Mal eine Demonstration – da ist es nur sinnvoll, sich Unterstützung zu holen, etwa bei rechtlichen Fragen, bei der Anmeldung oder bei organisatorischen Abläufen.
MoX: Warum engagierst Du Dich persönlich beim Frauenstreik?
Melanie Deinert: Warum engagiere ich mich beim Frauenstreik? Ich bin 42, habe zwei Kinder und bin berufstätig. Nach außen wirkt das vielleicht normal. Aber die Realität ist: Ich arbeite bezahlt – und danach arbeite ich unbezahlt weiter. Ich kümmere mich hauptsächlich um die Kinder, um Haushalt und Einkäufe. Ich plane Geburtstage, denke an Termine, organisiere den Alltag. Diese unsichtbare Verantwortung läuft immer mit. Mental Load hört nicht auf. Und ich bin oft einfach nur kaputt. Das ist kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles. Und gleichzeitig erleben wir einen Rechtsruck. Frauen werden wieder stärker auf traditionelle Rollenbilder reduziert, Gleichstellung wird infrage gestellt. Das will ich nicht akzeptieren.
Ich möchte nicht, dass meine Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, in der Frauenrechte wieder verhandelbar sind. Deshalb gehe ich am 9. März auf die Straße. Nicht, weil ich Zeit habe, sondern weil ich merke, dass sich etwas ändern muss.
MoX: Was kann man tun, wenn man in Oldenburg teilnehmen will?
Melanie Deinert: Meldet euch einfach bei uns! Wir haben einen Instagram-Account und einen WhatsApp-Kanal, über die ihr alle Infos bekommt. Außerdem laden wir noch einmal herzlich zu unserem offenen Treffen ein – alle Details dazu findet ihr dort.
Kommt gerne vorbei! Ihr braucht keinerlei Vorerfahrung. Wirklich nicht. Wir erwarten nichts von euch – kein Druck. Druck haben wir schließlich schon genug.
Also: Fühlt euch herzlich willkommen. Kommt einfach dazu!
MoX: Was möchtest Du Menschen sagen, die noch unsicher sind, ob sie sich beteiligen sollen?
Melanie Deinert: Frauenrechte gehen uns alle etwas an. Fast jede Frau hat schon einmal Ungleichbehandlung erlebt. Es kostet vielleicht Überwindung, einfach vorbeizukommen und sich auf etwas Neues einzulassen, aber es macht einen großen Unterschied, wenn viele Menschen gemeinsam sichtbar sind.
Deshalb: Informiert euch, sprecht darüber und unterstützt das Thema. Gemeinsam können wir mehr bewegen.
Die Fragen stellte Annika Müller
Veröffentlicht: MoX Veranstaltungsjournal. Februar 2026. (19.02.2026).