Die Freundschaftsrente und das Theater

Vor einem Jahr sendete mir ein guter Freund einen Artikel zu. Darunter hatte er geschrieben: »Du bist meine Rente.« Mit Erstaunen las ich diese Nachricht. Ich sehe mich selbst nicht als Investition und auch nicht als zuverlässige monatliche (gar finanzielle) Zuwendung. Was sollte das überhaupt heißen?

Ich las den besagten Artikel und freute mich. In Havard untersuchen Forscher:innen in der »Harvard-Study of Adult Development« seit 85 Jahren anhand von Interviews und medizinischen Daten das Leben von 724 amerikanischen Männern und nachträglich auch das von deren Familienangehörigen. Es ist die weltweit am längsten laufende wissenschaftliche Studie über Risiken und Faktoren für Glück und Gesundheit. Die Erkenntnis der Langzeitstudie: Gute Beziehungen machen uns glücklicher und gesünder. 

Die Untersuchungen zeigen, dass Männer mit einem positiven Umfeld im Alter beispielsweise ein besseres Gedächtnis hatten. Dabei kommt es nicht auf Quantität, sondern Qualität an, denn es ist irrelevant, ob die Männer in einer festen Beziehung waren oder nicht, auch die Anzahl der Freund:innen spielte keine Rolle. Es kommt allgemein nur auf die Zufriedenheit in den bestehenden Beziehungen an. Einsamkeit hingegen gilt als gesundheitlicher Risikofaktor, der sich signifikant auf die Wahrscheinlichkeit für Herzerkrankungen und Schlaganfälle auswirkt. Es ergibt daher tatsächlich Sinn, in gute Freundschaften zu »investieren«. 

Und der Bogen zum Theater? Das Theater ist seit Jahrhunderten ein Ort des sozialen Zusammenkommens. Schon im antiken Griechenland war der Besuch der Aufführungen Teil des öffentlichen Lebens. In den großen Amphitheatern versammelten sich Menschen, um gemeinsam zu lachen, zu staunen oder zu diskutieren. Theater war damals immer auch ein gesellschaftlicher Raum, dies ist bis heute so geblieben.

Zwar sitzt man im Zuschauerraum meist still nebeneinander, doch das gemeinsame Schweigen verbindet. Man erlebt dieselbe Geschichte zur selben Zeit, reagiert gemeinsam auf einen Moment der Komik oder der Spannung. In bestimmten Situationen kommt es zum kollektiven Einatmen, Luftanhalten und zum gemeinsamen Lachen im Publikum.

Die soziale Dimension des Theaterbesuchs beginnt schon bei der Entscheidung: »Wen nehme ich mit?« Freund:innen, Familie, Kolleg:innen oder ein Date? Der Theaterabend wird zu einer Verabredung, zu einem Anlass, sich zu treffen und Zeit miteinander zu verbringen. 

Auch die Pause gehört zu diesem Ritual. Sie ist der Moment, in dem Eindrücke geteilt werden: »Wie findest du es bisher?« – »Hast du die Szene verstanden?« – »Die Musik war toll, oder?« Das Gespräch über das Gesehene ist Teil des Besuches. Auf dem Heimweg oder in der Bar um die Ecke wird weiter diskutiert über Lieblingsfiguren, irritierende Momente und Szenen, die bewegt haben. Theater ist anregend und erzeugt Gesprächsstoff. Es fordert dazu auf, Position zu beziehen, Eindrücke zu vergleichen und gemeinsam zu hinterfragen, was man gerade gesehen hat. Daher mein Rat: Kümmert euch um eure Freundschaftsrente und geht mal wieder zusammen mit jemandem, der euch wichtig ist, ins Theater!        

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. April 2025/26. (04.04.2026).