Dramaturgin Annika Müller im Gespräch mit Regisseurin Hannah Koppermann zur Produktion »Heartship«
Am 15. Mai feiert die Inszenierung »Heartship« in der Exhalle Premiere. In dem Stück geht es um die Geschichte zweier Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Sara, eine feministische Stand-Up-Künstlerin, lädt zu ihrem regelmäßigen Programm in die Kneipe Heartship – ein Ort für Wut, Witz und Empowerment. Die Augenärztin Ann, die durch Zufall in eine der Shows gerät, hat wenig Erfahrung damit, sich öffentlich zu empören. Zu groß ist die Scham zu erzählen, dass sie sowohl in ihrer Vergangenheit als auch in ihrer Gegenwart mit sexuellen Übergriffen und Grenzüberschreitungen von Männern kämpft. Als sich die beiden später begegnen, entwickelt sich eine innige Bindung. Gemeinsam stellen sie sich mit überraschender Leichtigkeit ihrem Alltag zwischen Selbstoptimierung und Traumata und stellen sich gemeinsam gegen den Druck der Gesellschaft.
Du bist Regieassistentin hier am Haus und hast bereits kleinere Inszenierungen in der Niederdeutschen Sparte und der Sparte 7 umgesetzt. Das ist deine erste Inszenierung in der Schauspielsparte. Was sind dabei Herausforderungen und worauf freust du dich?
Hannah Koppermann: Ich glaube, die größte Herausforderung ist, die Rolle als Regieassistentin abzulegen und wirklich in der Position der Regie anzukommen, also nicht in alte Muster zurückzufallen. Das bedeutet vor allem, nicht mehr primär organisatorisch zu denken, sondern künstlerisch zu arbeiten. Genau darauf freue ich mich aber auch: meine eigenen künstlerischen Gedanken endlich umsetzen zu können, anstatt nur zu beobachten, wie andere Regisseur:innen ihre Ideen realisieren. Im Studium habe ich häufig gemeinsam mit einer zweiten Person Regie geführt. Deshalb habe ich großen Respekt davor, diese Position allein auszufüllen. Gleichzeitig weiß ich aber, dass ich nicht wirklich allein bin. Ich arbeite im Team mit der Bühnenbildnerin, der Dramaturgie und den Schauspielerinnen. Und genau darin liegt für mich auch die Chance, weiter zu lernen und mehr Vertrauen in mich selbst zu entwickeln.
Wir begegnen in dem Stück »Heartship« den beiden Figuren Sara und Ann, die an ganz unterschiedlichen Punkten in ihrem Leben und ihrer Emanzipation stehen. Was interessiert dich besonders an den beiden Frauen?
Sara ist diejenige, die das System Patriarchat bereits stärker durchdrungen hat und Wege gefunden hat, sich davon zu lösen. Mich beeindruckt ihr Mut. Besonders, wie klar und selbstbewusst sie ihre Sprache einsetzt und sich mitteilt. An Ann interessiert mich, dass sich – so glaube ich – viele Frauen in ihr wiederfinden können. Sie spürt, dass sie unter patriarchalen Strukturen leidet, hat diese aber noch nicht vollständig erkannt und weiß noch nicht, wie sie sich davon befreien kann. Ich erkenne mich darin auch selbst wieder. Lange Zeit war ich wie Ann. Erst durch Freund:innen, durch meine Arbeit und durch verschiedene Erfahrungen habe ich begonnen zu verstehen, wie dieses System wirkt. Ich würde nicht sagen, dass ich mich vollständig davon befreit habe. Auch nicht von allen Denkmustern. Aber ich hoffe, dass ich auf dem Weg bin, mich in Richtung Sara zu entwickeln.
Warum findest du es wichtig, Stücke wie »Heartship« auf die Bühne zu bringen?
Gerade in den letzten Wochen ist wieder sehr deutlich geworden, wie stark Frauen unter patriarchalen Strukturen leiden. Deshalb ist es umso wichtiger, weibliche Stimmen sichtbar und hörbar zu machen.
Genau das passiert in Caren Jeß’ Stück: Zwei Frauen erzählen ihre Perspektiven und zwar ausschließlich ihre eigenen. Diese Klarheit und Fokussierung halte ich für unglaublich wichtig, und genau das macht den besonderen Wert dieses Stücks für mich aus.
Sara und Ann sagen selbst, ihre Beziehung sei ein »Heartship«, da sie nicht klar als Liebesbeziehung noch als bloße Freundschaft einzuordnen ist. Warum sind uns Labels so wichtig und was bedeutet es, sie aufzubrechen?
Ich glaube, ich habe darauf zwei Antworten: eine persönliche und eine eher gesellschaftliche. Ganz persönlich merke ich, dass ich gern Kontrolle über Dinge habe. Labels helfen mir dabei, weil sie mir eine gewisse Sicherheit geben. Gleichzeitig wünsche ich mir – für mich selbst und vielleicht auch für die Gesellschaft –, dass wir uns ein Stück weit davon lösen können. Dass wir Beziehungen offener betrachten und nicht immer sofort einordnen müssen. Denn Beziehungen sind selten eindeutig. Sie bewegen sich in Graubereichen, in Spektren und genau diese Vielschichtigkeit sollte auch Platz haben. Egal ob Liebesbeziehung, Freundschaft, familiäre Verbindung oder eben ein »Heartship«.
Die Fragen stellte Annika Müller
Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. Mai 2025/26. (02.05.2026).