Zwischen Hin und Her – Was es heißt, sich auf der Bühne zu erinnern 

Was kann und darf Dokumentartheater? Darf es unterhalten, mitreißen, berühren?

Muss es jeden Schritt belegen, jede Aussage absichern? Wie kann es informieren und zugleich emotional sein? Und wie künstlerisch darf es werden, wenn es von realen Ereignissen erzählt? Das sind zentrale Fragen, sobald es darum geht, eine wahre Geschichte auf die Bühne zu bringen. Und sie werden umso drängender, wenn es die Geschichte eines Menschen ist, der selbst im Raum steht. Mit diesen Fragen haben wir uns in den vergangenen Monaten intensiv beschäftigt. Denn in der Sparte 7 wird die Geschichte einer jungen Oldenburgerin erzählt.

Malak Kadour ist acht Jahre alt, als ihre Familie Syrien verlassen muss. Der Krieg, der begann, als sie vier war, die Bombardierungen und die Repressionen des Assad-Regimes lassen keine Wahl. Es folgt die Flucht über das Mittelmeer und entlang der Balkanroute. Eine Reise voller Angst, Unsicherheit und existenzieller Bedrohung, bei der viele Menschen nicht ankommen, da ihnen das Geld ausgeht, sie krank werden oder sterben. Und zugleich eine Zeit, in der ein Kind kleine und schöne Momente von Freude findet und sein Lachen und seine Leichtigkeit nicht verliert.

Mit 14 beginnt Malak, angestoßen durch eine Schulaufgabe, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Das Schreiben wird zu einer Form der Verarbeitung, zu einem Versuch, sich das Erlebte zurückzuerobern. Aus einer Hausaufgabe entsteht eine Erzählung, aus der Erzählung ein Buch. »Zwischen Hin und Her. Meine Flucht aus Syrien« erscheint 2022 im Global Music Player Verlag in Oldenburg. Im selben Jahr erhält die Autorin eine Sonderauszeichnung beim Niedersächsischen Jugendkulturpreis „Zeit für Ideen“ sowie den Integrationspreis der Stadt Oldenburg.

Heute ist Malak 18 Jahre alt und Teil der Theaterproduktion, die auf ihrem Buch basiert. Damit verschiebt sich ihre Rolle: Sie erzählt die Geschichte der achtjährigen Malak noch einmal. Gemeinsam mit zwei Schauspielerinnen steht sie auf der Bühne. Sie erinnern sich, sprechen, widersprechen einander, ergänzen sich.

So entsteht eine komplexe Perspektive auf die erlebte Zeit. Die unmittelbare Sicht eines Kindes, die Erinnerung einer Jugendlichen, die ihre ersten Jahre in Deutschland verbracht hat und der reflektierende Blick der jungen Erwachsenen knapp 10 Jahre nach der Flucht. Vergangenheit und Gegenwart stehen nebeneinander. Denn Erinnerungen sind selten eindeutig. Sie sind bruchstückhaft, überlagert, in Bewegung. Die Darstellerinnen tragen dabei die Last der Erinnerung gemeinsam und stützen einander. 

Zugleich ist es Malak Kadour wichtig, den Blick auch auf die Perspektive ihrer Eltern zu richten. Auch Malaks Vater dokumentierte seine Erlebnisse schreibend auf Facebook in Form von Gedichten. Was bedeutet Krieg, Tod und Flucht aus der Perspektive eines Kindes? Und was aus der eines Elternteils? 

Gerade darin liegt die besondere Kraft dieser Inszenierung. Theater ist ein Ort der Gleichzeitigkeit. Die achtjährige Malak, die das Meer überquert, und die 18-jährige Malak, die davon erzählt, begegnen sich im selben Raum. Es geht darum gemeinsam hinzusehen, Ambivalenzen und Leerstellen auszuhalten, sich zu erinnern und einen empathischen Blick darauf zu werfen, wie ein Kind die Flucht um Leben und Freiheit erlebt.

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. März 2025/26. (06.03.2026).