Es gibt Orte, an denen der Jahresanfang groß beginnt. Im Fitnessstudio hört man die Vorsätze, die Entschlossenheit und den geschäftigen Aufbruch. Im Theater aber beginnt das neue Jahr eher leise. Schließlich lebt das Theater in Spielzeiten, nicht in Jahresanfängen. Der Januar kommt nach einem Silvesterfinale wie jeder andere Monat auch.
Vielleicht ist das Theater sogar besser geübt im Neuanfang als manch andere Orte, denn jede Vorstellung ist ein Neubeginn. Selbst wenn eine Inszenierung bereits vielfach gespielt wurde, ist jeder Abend einzigartig. Neues Publikum, neue Fehler, neuer Schwung. Jede Szene wird noch einmal gespielt, und manchmal gelingt eine Passage gerade deshalb, weil man die richtige Energie zu Beginn der Vorstellung hat.
Während die letzten Vorstellungen des Weihnachtsmärchens »Die Schöne und das Biest« und »Der Schimmelreiter« stattfinden, erwarten uns im Januar auf den Bühnen bereits Premieren und hinter den Kulissen neue Probenstarts. Von der BallettCompagnie des Oldenburgischen Staatstheaters erwarten uns drei choreografische Uraufführungen unter dem Titel »Demo-Mode« ab dem 9. Januar im Kleinen Haus. In den Choreografien beschäftigen sich die Choreograf:innen mit verschiedenen Facetten der Demokratie.
Die Möglichkeit, ungehindert zu sprechen, zu wählen und an öffentlichen Debatten teilzunehmen, bleibt ein hohes Gut. Doch diese Freiheit ist fragil. In seiner Choreografie erinnert der französische Gastchoreograf Guillaume Hulot daran, dass Grundrechte wie Meinungsfreiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit nur bestehen, wenn wir sie aktiv nutzen und für sie einstehen.
Zum ersten Mal boten die 16. Internationalen Tanztage 2025 eine Plattform für »Junge Choreograf:innen«. Das Publikum kürte Nicol Omezzolli zur Gewinnerin. Ihr Stück »Vincula Invisibilia Fracta« untersucht, wie wir uns aus subtilen Formen der Manipulation befreien können.
Die australische Choreografin Alice Topp richtet den Blick auf die Rolle von Algorithmen in modernen Demokratien. Soziale Medien mit ihrer enormen Reichweite, personalisierter Werbung und datengetriebenen Empfehlungen können politische Stimmungen lenken. Ihre Arbeit stellt die Frage: Welche Zukunft hat unsere politische Meinungsbildung, wenn Algorithmen Kontrolle über Trends und politische Orientierung haben?
All diese choreografischen Arbeiten zeigen auf unterschiedliche Weise, wie sehr unsere Freiheit, unsere Entscheidungen und sogar unsere Wahrnehmungen im Wandel sind. Demokratie ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Ein Zusammenspiel aus Mut, Bewusstsein und der Bereitschaft, immer wieder hinzuschauen.
Genau darin liegt die Parallele zum Theater: Auch hier entsteht jede Erkenntnis erst im Moment des Tuns, im erneuten Beginnen, im Fortschreiben einer Szene, die nie vollständig abgeschlossen ist. Jede neue Bewegung, jeder neue Gedanke kann eine Richtung ändern, etwas öffnen. Das verdeutlicht vor allem eines: Ein Neustart muss nicht perfekt sein, er muss nur stattfinden.
Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. Januar 2025/26. (05.01.2026).