»Und vielleicht sind die Sonne und der Mond gar nicht so weit voneinander entfernt«

Ein Interview mit Malak Kadour 

Malak Kadour ist acht, als ihre Eltern gezwungen sind, mit ihrer Familie aus ihrem Heimatland Syrien zu fliehen – vor dem Krieg und den Bombenangriffen, die begannen, als sie vier war, und vor den Repressionen, die der Familie durch das Assad-Regime drohen. Sie erlebt die Flucht über das Mittelmeer und die Balkanroute mit all der erschreckenden Härte und den kleinen schönen Momenten, die sie als Kind darin findet. Mit 14 Jahren beginnt die junge Oldenburgerin, ausgehend von einer Hausaufgabe, ihre Geschichte festzuhalten und sich als Jugendliche schreibend an ihre Erlebnisse zu erinnern. Daraus entsteht ihr Buch »Zwischen Hin und Her. Meine Flucht aus Syrien«, das am 4. April im Oldenburgischen Staatstheater Premiere feiert.

Malak Kadour ist heute 18 Jahre alt und selbst Teil der Entstehung dieses Projekts. Gemeinsam mit zwei Schauspielerinnen erzählt sie ihre Geschichte auf der Bühne erneut: Sie erinnern sich zusammen, blicken zurück und nach vorn und eröffnen – abseits der aktuellen, oft menschenverachtenden politischen Debatten um Migration – einen empathischen Blick darauf, wie ein Kind die Flucht um Leben und Freiheit erlebt.

Malak, die Fluchtgeschichte von deiner Familie und dir wird nun auf die Bühne gebracht. Du hast diese im Alter von 14 Jahren aufgeschrieben. Heute, mit 18 Jahren, stehst du auf der Bühne, um die Geschichte noch einmal zu erzählen. Was bedeutet das für dich?

Das bedeutet mir eine ganze Menge. Als ich 14 Jahre alt war, war ich vor allem damit beschäftigt, meine Erinnerungen zu ordnen. In meinem Kopf tauchten immer wieder einzelne Bilder und Szenen auf. Ich habe versucht, diese Puzzleteile zusammenzufügen, damit daraus ein großes Bild entsteht. Mein Fokus lag damals darauf, die Ereignisse logisch zu sortieren und auch Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden. 

Durch die vielen Lesungen, die ich später gemacht habe, kam dann eine neue, sehr emotionale Ebene dazu. In Gesprächen mit dem Publikum habe ich mich stärker mit dem Erlebten auseinandergesetzt. Aus diesen Erfahrungen – aus dem Schreiben und aus den Begegnungen – kann ich jetzt mit 18 Jahren das Theaterstück gestalten. Ich habe heute einen rationaleren Blick darauf.

Außerdem habe ich das Gefühl, dass ich mich inzwischen besser ausdrücken kann. Mit 14 konnte ich die deutsche Sprache noch nicht so gut. Beim Wiederlesen meines Textes habe ich oft gedacht, dass ich vieles gern anders formuliert hätte. Das Theaterstück gibt mir jetzt die Möglichkeit, manches noch einmal neu zu erzählen. Vielleicht so, wie ich das Buch heute schreiben würde.

Gleichzeitig weiß ich: Wahrscheinlich werde ich in ein paar Jahren wieder zurückblicken und denken, dass ich etwas anders hätte sagen wollen. Aber genau dieser Prozess gehört wohl dazu. Sehr wichtig ist für mich auch das Team, mit dem ich arbeite: die Schauspielerinnen Paulina Hobratschk und Veronique Coubard, die Regisseurin Pia Epping, die Ausstatterin Johanna Bode, die Leiterin der Sparte 7 Gesine Geppert und auch du, Annika. Durch das gemeinsame Erzählen, Wiederholen und Bearbeiten der Geschichte hatte ich das Gefühl, dass das auch etwas Therapeutisches hat. 

Dein Buch »Zwischen Hin und Her. Meine Flucht aus Syrien« entstand aus einer Hausaufgabe. Wann hast du gemerkt, dass daraus mehr werden könnte?

Als ich die Hausaufgabe geschrieben hatte, kam meine Klassenlehrerin auf die Idee: »Warum schreibst du nicht ein Buch darüber?« In dem Moment konnte ich mir zwar vorstellen, dass daraus mehr werden könnte, aber wirklich daran geglaubt habe ich nicht. Ich wollte es trotzdem versuchen. Ich habe geschrieben, um mich an meine Familie zu erinnern, um sie nicht zu vergessen, um das, was ich erlebt habe, festzuhalten, weil ich gemerkt habe, dass man beim Erwachsenwerden jede Menge Erinnerungen verliert.

So richtig verstanden, dass es mehr werden könnte, habe ich erst bei meinen Lesungen. Als ich gemerkt habe, dass Menschen bereit waren mir zuzuhören und dass sie extra zu meinen Lesungen gekommen sind, weil sie wirklich interessiert waren. Als mir so viel Zuspruch gegeben wurde, hatte ich dann das Gefühl, das könnte wirklich größer werden.

Wie hast du als Kind den Krieg wahrgenommen? Was hast du verstanden, was vielleicht noch nicht?

Ich hatte schon früh ein Bauchgefühl, dass um mich herum etwas passiert. Man hat es auch in den Blicken der Menschen gesehen. Da waren diese durcheinandergewürfelten, chaotischen Gefühle, die mich sehr aufgewühlt haben. Lange habe ich aber nicht wirklich verstanden, worum es geht. Dass das alles „Krieg“ heißt und dass man dieses Chaos, dieses gegenseitige Töten, überhaupt so nennt.

Ich habe vieles nur gespürt, ohne es wirklich begreifen zu können. Zum Beispiel habe ich nicht verstanden, dass Menschen – Verwandte, Freunde oder Bekannte – wirklich für immer weg sind, wenn sie sterben. Dass jemand gestern noch mit dir gesprochen hat und dann einfach von dieser Welt verschwinden kann und nie wieder zurückkommt. Das war für mich als Kind sehr verwirrend. Ich habe oft geweint und war wütend, eigentlich auf alles. In solchen Momenten hat mir meine Oma sehr geholfen. Was sie mir damals erzählt und versprochen hat, erfährt man im Theaterstück »Zwischen Hin und Her«.

Gab es auf der Flucht Momente, die dir besonders Kraft gegeben haben?

Ja, auf jeden Fall. Wenn man das Cover meines Buches anschaut, sieht man dort den Mond. Lustigerweise mag ich eigentlich die Sonne viel lieber und fühle mich ihr näher. Aber auf der Flucht war der Mond sehr wichtig für mich.

Wir haben uns meistens nachts fortbewegt, weil es dann etwas sicherer war als am Tag. Der Mond war dabei immer da. Er war einfach still am Himmel, ohne sich aufzudrängen. Wenn ich nach oben geschaut habe, hatte ich das Gefühl, dass er mit uns mitgeht. Das hat mir Trost gegeben, weil ich mich dadurch weniger allein gefühlt habe. Solange der Mond da war und meine Familie bei mir war, hatte ich das Gefühl, dass sich vielleicht doch nicht alles verändert hat.

Kraft haben mir auch die anderen Kinder gegeben, die ich auf der Flucht getroffen habe. Dabei haben wir oft gar nicht dieselbe Sprache gesprochen. Trotzdem konnten wir miteinander spielen und uns verstehen. Das hat mir gezeigt, dass Menschen sich auch ohne gemeinsame Sprache begegnen können. Egal wo ich bin, solange ich mich selbst nicht verliere und die Menschen bei mir habe, die mir wichtig sind, kann ich immer wieder neu anfangen.

Diese Erfahrung habe ich später auch im Flüchtlingslager gemacht. Dort haben Menschen viele verschiedene Sprachen gesprochen und kamen aus unterschiedlichen Kulturen. Trotzdem waren wir miteinander verbunden, einfach weil wir alle Menschen sind.

Ich glaube, diese Gemeinsamkeit reicht eigentlich schon. Wir müssen nicht dieselbe Sprache sprechen oder gleich aussehen. Es wäre schön, wenn wir neugierig aufeinander zugehen würden – auf andere Kulturen, anderes Essen, andere Sprachen – statt mit Angst oder Vorurteilen zu reagieren.

Wir haben alle unsere Verschiedenheiten und trotzdem die Gemeinsamkeit, dass wir Menschen sind. Und da ist es auch wirklich egal, wo und mit wem wir leben, solange wir diese Menschlichkeit noch haben, wird alles gut sein. Und das hat mir sogar der Mond versprochen.

Was hat dich am meisten überrascht, als du später auf diese Zeit zurückgeblickt hast?

Um ehrlich zu sein: vieles. Aber als Erstes fällt mir die Sprachbarriere ein, die ich hatte, als ich in Deutschland angekommen bin – im Flüchtlingslager, in der Grundschule und auch später. Ich konnte damals kein Deutsch und trotzdem habe ich mich irgendwie mit den anderen verständigt. Und irgendwann konnte ich die Sprache plötzlich.

Bis heute frage ich mich manchmal, wie das eigentlich passiert ist, dass ich auf Deutsch, Deutsch gelernt habe. Man sagt ja oft, dass Kinder Sprachen schneller lernen. Aber wenn ich heute versuche, zum Beispiel Niederländisch zu lernen, merke ich, dass mir das gar nicht so leicht fällt. Deshalb überrascht es mich immer noch.

Was wünschst du dir, was das Publikum aus der Vorstellung mitnimmt?

Was ich mir sehr wünsche, ist, dass wir diese hasserfüllte Mauer zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen überwinden. Ich würde gern über diese Mauer tanzen, pfeifen und lachen und vielleicht auch anderen helfen, hinaufzukommen, damit wir sie gemeinsam überwinden können. Jeder Mensch trägt eine Geschichte und eine Vergangenheit mit sich, auch wenn man sie von außen nicht sieht. Deshalb kann man Menschen nicht einfach oberflächlich einordnen oder beurteilen. Ich möchte deutlich machen, dass die »Flüchtlinge«, von denen wir in den Nachrichten hören oder über die im Fernsehen berichtet wird, nicht einfach nur irgendeine große Zahl sind. Es sind nicht einfach Menschen, die nebenbei im Krieg gestorben sind und dann wieder vergessen werden. Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch mit einem eigenen Leben, einer eigenen Geschichte. Sie alle haben Familien und Menschen, die ihnen wichtig sind. Es sind Kinder, Großeltern, Mütter und Väter – geliebte Menschen. Menschen, die lachen, hoffen, träumen und versuchen, ihre Liebsten zu beschützen. Menschen, die genau wie wir Angst haben, alles zu verlieren. Und genauso wie jeder von uns haben auch sie Angst vor dem Tod. Warum wird ihr Leid dann so oft verharmlost? Warum wirken diese grausamen Tode in den Nachrichten manchmal wie eine ferne Statistik, an die man sich schnell gewöhnt? Was wäre, wenn wir es wären? Wenn eure Familien fliehen müssten, wenn eure Häuser zerstört werden und ihr um euren Leben fürchten müssten? Würden wir dann auch nur eine Zahl in einer Meldung sein – oder würden wir uns wünschen, dass die Welt sieht, dass wir mehr sind als das: Menschen. Und auch die Geflüchteten sind mehr als das. Es sind Kämpfer, die es bis hierher geschafft haben. Und dabei alles, was sie sich je aufgebaut haben, aufgeben mussten.

Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft hier in Deutschland weiter zusammenwächst und nicht auseinanderdriftet. Die Welt ist ohnehin schon düster genug. Wir müssen sie nicht noch mit Hass, Vorurteilen und Kriegen weiter verdunkeln. Wir können auch einfach zusammenleben und uns mit unseren Unterschieden akzeptieren.

Für mich persönlich hat dieses Projekt auch noch eine andere Bedeutung. Damals fehlten mir die Worte, auf Arabisch genauso wie auf Deutsch. Es war nur ein Gefühl, für das ich keine Sprache hatte. Heute habe ich das Gefühl, dass ich, die ältere Malak, ein Werkzeug bin, um dieser kleinen Malak eine Stimme zu geben. Vielleicht kann sie dadurch ein bisschen ruhiger in mir werden. Früher fühlte es sich oft an, als hätte ich einen Kloß im Hals, als würde mir die Luft fehlen. Jetzt kann die kleine Malak endlich ein bisschen Luft holen.

Und vielleicht sind die Sonne und der Mond gar nicht so weit voneinander entfernt und vielleicht können sie auch zusammen in meinem Herzen existieren – und in allen anderen auch.

Die Fragen stellte Annika Müller

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. April 2025/26. (04.04.2026).    

Die Freundschaftsrente und das Theater

Vor einem Jahr sendete mir ein guter Freund einen Artikel zu. Darunter hatte er geschrieben: »Du bist meine Rente.« Mit Erstaunen las ich diese Nachricht. Ich sehe mich selbst nicht als Investition und auch nicht als zuverlässige monatliche (gar finanzielle) Zuwendung. Was sollte das überhaupt heißen?

Ich las den besagten Artikel und freute mich. In Havard untersuchen Forscher:innen in der »Harvard-Study of Adult Development« seit 85 Jahren anhand von Interviews und medizinischen Daten das Leben von 724 amerikanischen Männern und nachträglich auch das von deren Familienangehörigen. Es ist die weltweit am längsten laufende wissenschaftliche Studie über Risiken und Faktoren für Glück und Gesundheit. Die Erkenntnis der Langzeitstudie: Gute Beziehungen machen uns glücklicher und gesünder. 

Die Untersuchungen zeigen, dass Männer mit einem positiven Umfeld im Alter beispielsweise ein besseres Gedächtnis hatten. Dabei kommt es nicht auf Quantität, sondern Qualität an, denn es ist irrelevant, ob die Männer in einer festen Beziehung waren oder nicht, auch die Anzahl der Freund:innen spielte keine Rolle. Es kommt allgemein nur auf die Zufriedenheit in den bestehenden Beziehungen an. Einsamkeit hingegen gilt als gesundheitlicher Risikofaktor, der sich signifikant auf die Wahrscheinlichkeit für Herzerkrankungen und Schlaganfälle auswirkt. Es ergibt daher tatsächlich Sinn, in gute Freundschaften zu »investieren«. 

Und der Bogen zum Theater? Das Theater ist seit Jahrhunderten ein Ort des sozialen Zusammenkommens. Schon im antiken Griechenland war der Besuch der Aufführungen Teil des öffentlichen Lebens. In den großen Amphitheatern versammelten sich Menschen, um gemeinsam zu lachen, zu staunen oder zu diskutieren. Theater war damals immer auch ein gesellschaftlicher Raum, dies ist bis heute so geblieben.

Zwar sitzt man im Zuschauerraum meist still nebeneinander, doch das gemeinsame Schweigen verbindet. Man erlebt dieselbe Geschichte zur selben Zeit, reagiert gemeinsam auf einen Moment der Komik oder der Spannung. In bestimmten Situationen kommt es zum kollektiven Einatmen, Luftanhalten und zum gemeinsamen Lachen im Publikum.

Die soziale Dimension des Theaterbesuchs beginnt schon bei der Entscheidung: »Wen nehme ich mit?« Freund:innen, Familie, Kolleg:innen oder ein Date? Der Theaterabend wird zu einer Verabredung, zu einem Anlass, sich zu treffen und Zeit miteinander zu verbringen. 

Auch die Pause gehört zu diesem Ritual. Sie ist der Moment, in dem Eindrücke geteilt werden: »Wie findest du es bisher?« – »Hast du die Szene verstanden?« – »Die Musik war toll, oder?« Das Gespräch über das Gesehene ist Teil des Besuches. Auf dem Heimweg oder in der Bar um die Ecke wird weiter diskutiert über Lieblingsfiguren, irritierende Momente und Szenen, die bewegt haben. Theater ist anregend und erzeugt Gesprächsstoff. Es fordert dazu auf, Position zu beziehen, Eindrücke zu vergleichen und gemeinsam zu hinterfragen, was man gerade gesehen hat. Daher mein Rat: Kümmert euch um eure Freundschaftsrente und geht mal wieder zusammen mit jemandem, der euch wichtig ist, ins Theater!        

Veröffentlicht: Oldenburgisches Staatstheater. Theaterzeitung. April 2025/26. (04.04.2026).